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Predigt über Psalm 126 am 24.11.2019 (Ewigkeitssonntag)
in der Stadtkirche Böblingen

Schlafes Bruder

Manchmal, wenn ich träume, kommt der Tod. Schleicht sich hinein in die Geschichten, die sich in meinem Kopf abspielen, so selbstverständlich wie es die Geräusche tun, die von der Straße herauf durchs Fenster an mein Ohr kommen, übernimmt die Handlung oder tarnt sich hinter phantastischen Geschichten.IMG_1974(1)

Dann träume ich. Träume von seltsamen Landschaften oder Hohlwegen im Wald. Träume von denen, die lange schon tot sind. Träume mich selbst in ihre Welt.

Im Traum ist der Tod nicht stumm und schrecklich. Nur verwunderlich. Eigenartig normal sind die Unterhaltungen, liebevoll die Begegnungen, groß die Erleichterung, den geliebten Menschen wieder bei sich zu spüren. Sich selbst nicht wirklich zu verabschieden, sondern einfach die Dimension zu wechseln. So wie vom Wachen in den Schlaf… so sanft kann es sein, wenn der Tod sich in den Traum schleicht wie ein Freund, und leise über die Decke streicht: Fürchte dich nicht. Träume. Und sei frei.

Manchmal kommt es vor, dass ich mich beim Aufwachen an diese Träume erinnere. Und denke: das wäre gar nicht schlimm, so hinüberzuträumen, irgendwann, wenn meine Zeit gekommen ist und ich gehen muss. Wenn ich dann wieder bei denen wäre, die ich so vermisse. Wenn wir miteinander lachen und feiern und uns im Arm halten könnten drüben auf der anderen Seite. Dann wäre unser Mund voller Lachen, und unsere Zunge voll Lob. Weil der Tod seinen Schrecken verloren hätte. Weil Gott Großes an uns getan hat: Neues Leben, anders und frei und voll Schönheit und Glück.

 

Traumgeschichten

Nicht selten haben wir uns Träume erzählt im vergangenen Jahr, wenn wir zusammensaßen, weil jemand gestorben ist. Oft waren es Bilder, die die Sterbenden selbst gesehen hatten, während sie sich langsam vom Leben lösten. Da träumte eine, dass sie auf eine steile Leiter klettern müsse, und vor lauter Angst vor dieser Aufgabe schrie sie im Traum so laut, dass sie wach wurde. Da hörte ein anderer die Mutter rufen. Und wieder eine andere erlebte noch einmal die Bombennacht, in der der Tod ihr schon so nahe gekommen war und die ihr die Familie nahm. Schließlich träumte einer immer wieder davon, in einem Wartesaal zu sitzen und vergeblich darauf zu warten, dass er aufgerufen wurde. „Meine Nummer ist noch nicht dran“, scherzte er dann so lange, bis er endlich eingeschlafen war für immer.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Denn der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.

 

Freilich, da gibt’s dann auch die anderen Geschichten, die wir uns erzählt haben. Von den Träumen, die uns plagen seitdem. Von den nächtlichen Bildern voller Angst und Trauer. Immer wieder ruft da eine den Namen des verstorbenen Kindes. Immer wieder versucht ein anderer, die Hand der Geliebten zu halten, während sie über dem Abgrund schwebt – und kann es doch nicht. Einer hat im Traum immer wieder mal gesehen, was gewesen wäre, wenn… wenn der Unfall nicht passiert und die Familie intakt geblieben wäre. Schlimme Nächte sind das, und noch im Wachen lässt uns das Gefühl der Trauer nicht mehr los.

Und wir erinnern uns. An den Tag, an dem der Arzt die Diagnose stellte. An den Moment, als das Telefon klingelte und die schlimme Nachricht brachte. An die Dinge, die erledigt werden mussten. Die Überraschungen, die sich hinterher auftaten. Die Einsichten. Das Viele, das wir noch gern gefragt, gesagt, gewusst hätten. Manche von denen, an die wir uns heute erinnern, sind schnell gestorben. Da blieb keine Zeit mehr, sich zu verabschieden – nur im Traum… Manche haben lange gebraucht, bis sie loslassen konnten, alt und lebenssatt. Wieder andere haben noch lange um ihr Leben gekämpft, jeden Tag ausgekostet, jede Nacht gehofft. Manchen haben wir gewünscht, dass sie endlich einschlafen dürften für immer. Und einige hätten wir gern erreicht in ihrem Zustand zwischen Dämmern und Traum. Hätten gerne gewusst, was sie bewegt. Was sie sehen, wenn sie geradeausstarren. Was sie bewegt, wenn plötzlich Tränen über die Wangen laufen…

Ach, Herr, bringe zurück unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland…

Mach unsere Welt wieder heil. Schenk uns wieder gute Tage. Trockne unsere Tränen!

 

Am großen Fluß

So viel Sehnsucht steckt in den Worten dieses alten Gebets! So viel Vertrauen auch, dass Gott es wieder gut machen wird mit seinen Menschen… mich hat das immer schon berührt.

Die Bilder waren so stark und leicht zu deuten: Die Gefangenen, das sind die Toten. Dachte ich. Und wenn sie auferstehen – und wir mit ihnen – dann wird das eine Freude sein, die mit nichts zu vergleichen ist. Eine Freude, die die Trauer in sich trägt. Und den Schmerz. Und die tiefe Dankbarkeit dafür, dass beides nun vergangen ist. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten, wenn es soweit ist. Gut konnte ich mir das vorstellen. Dass es eben dauert, bis die Saat aufgegangen ist. Dass das eine schwere Zeit ist, wenn man darauf wartet und doch nichts davon sieht. Aber dass sie kommt, die Zeit der unverhofften Ernte, die Zeit des Lachens und des Glücks.

So konnte ich mit der Trauer umgehen. In dem Wissen, dass sie vergeht. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen…

Später habe ich gelernt, dass es ganz wörtlich gemeint war, was der Psalmbeter da aufgeschrieben hat. Dass das Gedicht aus der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft stammt. Dass da nicht die Toten gemeint sind, sondern die Verschleppten. Und dass hier eine politische Hoffnung in Worte gefasst worden war. Die Hoffnung auf Frieden. Auf ein Ende der Not. Auf die Rückkehr in das eigene, gelobte Land.

An den Strömen von Babylon saßen wir und weinten…heißt es im 137. Psalm, der aus derselben Zeit stammt und dasselbe Thema hat. Wir hingen unsere Harfen in die Weiden. Wir hatten keine Lieder mehr. Nicht einmal solche zum Klagen. Wir waren leergeweint ob des Leids und der vielen Toten… Herr, bringe zurück unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

 

Unter Tränen lachen.

Bring uns unsere Hoffnung zurück. Unser Vertrauen und unseren Glauben an eine Zukunft bei dir. So beteten sie. Und so ist es uns auch zumute.

Denn wir können nicht aufhören zu träumen. Und im Traum zeigt uns Gott, wie der Himmel ist. Wie es ist, wenn der Tod „ein Lachen“ wird. Wenn wir über die Wiesen laufen unten am Fluß, so leicht und frei und jung wie damals, Hand in Hand… Wenn wir uns um den Hals fallen, als ob nichts gewesen wäre. Wenn wir uns umarmen, weil so viel gewesen ist. Weil Gott sein Versprechen gehalten hat. Weil er uns wiedergebracht hat aus der Gefangenschaft der Trauer und des Todes. Weil das Dunkel vergangen ist. Die Saat aufgegangen. Die Zeit der Ernte gekommen.

Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Wir werden unter Tränen fröhliche Lieder singen, und das Glück, das wir spüren, wird sich anders anfühlen: tiefer. Ernsthafter. Zufriedener. Weil wir den Tod dann hinter uns haben.

Bis dahin mag er sich als Schlafes Bruder in unsere Träume schleichen. Er ist ja selbst nur ein Traum. Und wenn wir erwachen, werden wir schon erwartet. Unten am Fluß, wo die Tafel schon gedeckt ist mit allen Köstlichkeiten, mit Brot und Wein und Wasser des Lebens. Wo Gott uns erwartet.

Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!

Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.

Amen.