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Predigt zu 1. Korinther 15, 50-58

Ostermontag, 2. April 2018, Stadtkirche Böblingen

osterkerze

 

(Fawkes)

„Hätte mir gerade noch gefehlt, wenn Dumbledores Vogel stirbt, während ich allein mit ihm bin, dachte Harry gerade – als der Vogel in Flammen aufging. […] [F]ieberhaft schaute er sich um, ob es nicht irgendwo ein Glas Wasser gäbe, aber er sah keines; der Vogel war mittlerweile ein Feuerball geworden; er gab einen lauten Schrei von sich und schon war nichts mehr von ihm übrig als ein schwelender Haufen Asche auf dem Boden.

Die Bürotür ging auf und Dumbledore kam mit ernstem Gesichtsausdruck herein. »Professor«, keuchte Harry, »Ihr Vogel – ich konnte nichts machen – er hat einfach Feuer gefangen.« Zu Harrys Verblüffung lächelte Dumbledore. […] »Fawkes ist ein Phönix, Harry. Phönixe gehen in Flammen auf, wenn es an der Zeit für sie ist zu sterben, und werden aus der Asche neu geboren. Sieh mal …«

Harry sah gerade noch rechtzeitig hin, um einen winzigen, verschrumpelten, neugeborenen Vogel den Kopf aus der Asche stecken zu sehen. Er war genauso hässlich wie der alte. »Ein Jammer, dass du ihn an einem Brandtag sehen musstest«, sagte Dumbledore und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Eigentlich ist er die meiste Zeit sehr hübsch, herrlich rot und gold gefiedert. Faszinierende Geschöpfe, diese Phönixe. Sie können unglaublich schwere Lasten tragen, ihre Tränen haben heilende Kraft und sie sind außerordentlich treue Haustiere.«“[1]

Geheimnisvoller Vogel, dieser Phönix. Man muss schon in das Zauberuniversum einer Joanne K. Rowling eintreten, um die wundersame Verwandlung zu erleben, die ihn sprichwörtlich gemacht hat. „Wie Phönix aus der Asche“ auferstehen, sagen wir, wenn jemand, der schon am Ende schien, sich wieder hochrappelt – stärker und schöner als zuvor, und keiner weiß so genau, wie und warum. Und gesehen hat es auch niemand. Nur in der Phantasie…

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden alle verwandelt werden…

 

(Rätsel und Geheimnisse)

Keiner weiß, wie und warum. Und beschreiben kann es erst recht niemand. Auch nicht Paulus, der da den Korinthern so sicher und selbstbewusst erklärt, wie es einmal sein wird mit der Auferstehung.

Er gibt sich ja viel Mühe. Argumentiert. Erklärt. Versucht, mit Logik zu überzeugen. Für ihn ist der Glaube an den Auferstandenen das Wichtigste – denn dass Christus ihm erschienen ist, vor Damaskus, das hat seine eigenen Zweifel weggewischt und ihn vom Verfolger der christlichen Gemeinde zum Missionar werden lassen. Unermüdlich reist er durch Kleinasien, wirbt für das Evangelium und sorgt dafür, dass die begeisterten Berichte der Augenzeugen ein solides Fundament bekommen. Denn nicht alle begegnen dem Osterwunder mit Staunen. Da ist auch viel Zweifel dabei. Und je länger die Menschen warten, dass Christus wiederkommt, desto drängender werden auch die Fragen:

„Was wird mit denen, die an Christus geglaubt haben und gestorben sind, ohne ihn wiederzusehen? Was wird aus uns, wenn wir sterben – und aus unserer Hoffnung? Wir sehen doch, dass sich nichts geändert hat. Dass es uns geht wie denen, die keine Hoffnung haben.“ So fragen sie.

Paulus drückt sich nicht um eine Antwort. Für ihn ist klar: Wenn Christus auferstanden ist von den Toten, dann werden auch die leben, die zu ihm gehören. Wie das gehen soll? Das ist ein Geheimnis. Eine Verwandlung. Gottes Werk.

Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.

Das macht die Sache nicht wirklich besser. Deshalb suchen die, die über seinen Texten grübeln, bald schon Bilder und Vergleiche. Aber wie soll man vergleichen, was es noch nie gegeben hat? Was ein Geheimnis ist?

 

(Ostertier)

Da entdecken Gelehrte in den Bibliotheken der mittelalterlichen Klöster die Legende vom Phönix. Jenem sagenhaften Vogel aus der antiken Mythologie, der immer wieder aus der Asche ersteht zu neuem Leben.

Schon die alten Ägypter kannten ihn, und der griechische Geschichtsschreiber Herodot brachte ihn von dort nach Westen. Griechisch ist auch sein Name: Flammendes Rot – so wie sein Gefieder. So wie das Element, aus dem er immer wieder neu aufstieg. Geheimnisvolle Verwandlung. Mit nichts zu vergleichen.[2]

Und die Mönche in ihren Studierstuben sehen Ähnlichkeiten zu dem, was Paulus über die Auferstehung schrieb. Der Phönix wird zum Symbol für Ostern: So wie eine Raupe, die sich verpuppt und wie tot wirkt – und als Schmetterling zu neuem Leben erwacht. Ostertiere helfen den Menschen, zu verstehen, was Paulus so kompliziert beschreibt. Der Tod in den Flammen und die anschließende Wiederauferstehung des Phönix ist eine passende Allegorie für Jesus Christus, erinnert aber auch an den Feuertod der Märtyrer während der antiken Christenverfolgung. Auch die Reinigung der Gläubigen im Fegefeuer und ihre anschließende Auferstehung am jüngsten Tag wurde im Phönix gesehen, und weil es nur einen einzigen seiner Art geben sollte, wurde er zum Wappentier der Jungfrau Maria – der Keuschheit und Reinheit wegen.

Auferstehen „wie Phönix aus der Asche“ – das bedeutet: Durch den Tod ins Leben gehen. Wie Christus.

Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen vom Sieg.

 

(Der Treiberstecken – Danke für den Hinweis, Anne Ressel!)

Für Paulus ist das die entscheidende Veränderung:
Der Tod ist stumpf geworden. Er hat seinen Stachel verloren. Das ist das Bild, das Paulus verwendet – ein Treiberstecken, wie ihn die Hirten haben. So ist der Tod. Er treibt die Menschen vor sich her – alle fliehen ihn, und alle piesackt er.

Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.

So übt der Tod seine Macht aus: durch Angst! Hast du deine Lebenszeit sinnvoll genutzt? Bist du Gott genehm? Tust du Gutes? Oder bist du schwach geworden, uneins mit dir und der Welt? Fürchtest du dich vor Gottes Gericht?

So fragt der Tod. Macht dem Gewissen Angst und nimmt dem Herzen Mut und Liebe. Weil er ja immer gewinnt bei dieser Jagd. Erst treibt er die Leute vor sich her, lässt sie laufen, stupst auch die, die ihm zu entweichen versuchen – und am Ende holt er sich alle, egal, wie geschickt sie seinem Treiberstecken ausgewichen sind oder nicht.

Das ist jetzt vorbei, sagt Paulus.
Wir werden auferstehen. Wir werden stärker sein, den Lauf gewinnen. Der Treiberstecken hat seine Spitze verloren. Er macht keine Angst mehr: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? – Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

 

(Für Conchita)

„Rise like a Phenix“ – heb dich über den Tod hinweg, so wie der Phönix seinen Kopf aus der Asche streckt.

Er wird nicht gewinnen. Und deshalb kann es dir egal sein, wenn er mit der Spitze seines Treibersteckens auf dich zielt. Und wenn er dich trifft – und wenn du dich duckst – wenn du strauchelst und fällst – wenn du dir die Finger verbrennst und das Gefieder dazu –  dann steh wieder auf. Steck den Kopf aus der Asche. Schüttle dich. Und werde stärker als zuvor.

Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?

„Rise like a Phenix“ – hier in diesem Leben braucht das Kraft. Es geht nicht von allein. Es braucht Mut. Vielleicht auch gute Freunde und ein gutes Wort zur rechten Zeit. Und wenn das alles nicht da ist, dann braucht es das Wissen um das Osterwunder: Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden alle verwandelt werden…

Wir werden österlich leben. Wir werden den Mut haben, wieder aufzustehen, wenn wir gefallen sind. Wir werden Verwandlungen erfahren wie die Raupe, die zum Schmetterling wird. Wir werden uns aufrichten und den Staub aus den Kleidern schütteln. Die Narben nicht verstecken, die Erinnerungen mit uns nehmen. Und das Gerede der anderen ist uns „Wurst“. Wir werden Schritt für Schritt auf einem neuen Weg gehen. Habt keine Angst.

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden alle verwandelt werden…

 

(Der Phönix an der Wand)

Ein faszinierendes Geschöpf, dieser Phönix… Aus den Flammen steigt er empor, breitet seine Schwingen aus und fliegt in die Freiheit…

So ist er draußen an der Mauer des Chores zu sehen. Der Bildhauer Helmuth Uhrig hat ihn entworfen, 1952, zur Erinnerung an die verheerende Bombennacht 1943, als die Stadt, das Schloss und die Kirche zerstört wurden.

Nur Trümmer waren noch da. Und Asche. Und bald auch Reue über das, was nach Ende des Krieges bekannt wurde an kollektiver Schuld. Trauer um die Toten, Not und neuer Streit, Fragen nach Verantwortung und einem guten Miteinander in der so dramatisch veränderten Situation.

„Wie Phönix aus der Asche“ ist Gottes Haus damals wieder erstanden. Und mit ihm der Ort, an dem die alten Geheimnisse bewahrt und weitererzählt werden. Und heute sind wir hier, wissen um die Vergangenheit und treten ein für eine Zukunft, in der Gottes Recht gilt und seine Menschen frei und sicher leben. Der Phönix als Symbol für österlichen Glauben: Stärker und schöner als zuvor…

Anne Fischer hat diese Geschichte auf unsere Osterkerze gezeichnet: Unten die Jahreszahl. Dann unsere Stadtkirche. Und darüber der Phönix, der sich aus den Flammen erhebt. Und ganz oben: Alpha und Omega. Anfang und Ende: Jesus Christus. Der Erste von denen, die auferweckt wurden von den Toten. Und der Letzte, wenn am Ende alle auferstanden sind. Wenn wir zum Himmel ziehen. Dann wird er hinter uns stehen und dem Tod ganz sanft den Treiberstecken aus der Hand nehmen: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

Così sia. So sei es.

Amen.

[1] Rowling, Joanne K., Harry Potter und die Kammer des Schreckens, Hamburg 1999, S. 215-216

[2] http://geschichte-in-kurz.blogspot.de/2016/05/wie-phonix-aus-der-asche-geschichte-und_15.html vermutet den Flamingo als Vorbild, dessen verlassene Brutplätze oft von der Sonne vertrocknet wurden, bis Menschen sie aufsuchen konnten. Kehrten die erwachsenen Tiere nach der Trockenheit zurück, ist ihr Gefieder nicht mehr aschgrau, sondern tendiert zu Rot. – Weitere Informationen ebd.

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