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Predigt zu Jesaja 5,1-7
Stadtkirche Böblingen, 25. Februar 2018, Reminiscere
(Im Gottesdienst feiern wir die Taufe eines kleinen Noah)

 I. Noah found grace in the eyes of the Lord

Erinnern Sie sich noch an Bruce Low?

Dunkle Baßstimme, ganz leichter Akzent und Lieder, die ein bisschen nach Western und ein bisschen nach Gospel klangen. Ohrwürmer, die man nicht mehr aus dem Kopf bekam. Und manchmal brauchte es nur ein Wort, um sie wieder anzutriggern.

Noah zum Beispiel. Der Stammvater Israels, der mit der Flut. Über den hat Bruce Low auch gesungen. Ein launiges Liedchen über eine grausige Geschichte, in flapsiger Sprache und mit einem eingängigen Refrain:

Der Herr sah hinab und sprach: „Es ist zu dumm!
Ich schuf die Menschen

doch ich weiß nicht mehr warum.
Seit dem ersten Tag gibt’s Kriege nur und Mord:
Ich schick‘ ein bißchen Wasser
und ich spül sie alle fort.“

Der Herr stieg hinab und als er auf die Erde kam
da sah er Papa Noah
der sich ordentlich benahm.
So steht’s geschrieben
so lesen wir es gern:
Noah fand Gnade vor den Augen des Herrn.

Und dann der Refrain, den man so gut mitsingen konnte:

Noah found grace in the eyes of the Lord
Noah found grace in the eyes of the Lord
Noah found grace in the eyes of the Lord
and he landed high and dry.

Und wenn ich einen Noah sehe (so wie den, den wir nachher taufen werden), dann fällt mir das Liedchen ein, und ich summe es vor mich hin und wünsche ihm, dass das wahr wird, dass er Gnade findet vor Gott und „hoch und sicher (trocken)“ ankommen wird.

So ist das mit den Liedchen, die wir über andere singen. Über „Ilsebilse, keiner willse, kam der Koch und nahm sie doch“  (das mochte meine Oma gar nicht, die hieß nämlich Ilse) oder über „Presslufthammer-Bernhard“ oder „Uschi, mach kein‘ Quatsch“ oder was es da sonst noch alles gibt. Wir finden sie lustig und haben sie im Ohr, auch wenn die, die da angesungen werden, gar nicht so gut dabei wegkommen. Auch Noah nicht, der doch Gnade vor Gott findet. Denn er ist erst mal widerwillig:

Der Herr sprach: „Noah! Es kommt jetzt eine Flut.
Zieh‘ die Jacke aus und setz ab den Hut.
Nimm dir eine Axt
fang unverzüglich an:
Hol‘ Sem, Ham und Japhet
und bau‘ dir einen Kahn!“

Noah sprach. „Herr
ich glaub‘ das kann ich nicht.“
Der Herr sprach: „Noah
mach kein störrisches Gesicht.
Du weißt nie, was du kannst
bevor du es versuchst
jetzt geh‘ und hole Bauholz
auch wenn du leise fluchst.“

And Noah found grace in the eyes of the Lord….

…. fand Gnade, auch wenn er störrisch war, fand Rettung, als das Wasser kam und Sicherheit in der größten Not. So, wie wir es unserem Noah in der Stadtkirche wünschen. Mit Gottes Engeln an der Seite und einem offenen Ohr und Herz für das, was er sagt. Und wer immer ihn sieht, der soll denken: „Der hat Gnade gefunden bei Gott, den hält er sicher und fest.“

Denn das Lied, das haftet….

II. Keine Gnade für den Weinberg

So wie das, das Jesaja singt. Ganz am Anfang seines Wirkens. Da tritt er auf, mitten in Jerusalem, und singt ein Lied über die Enttäuschung. Singt es auf eine eingängige Melodie, so dass es den Leuten gleich in die Ohren geht. Singt es mit starken Bildern, damit es haften bleibt. Und fortan werden sie an das Lied denken, wenn sie sehen, wovon es handelt.

In der Übertragung der Guten Nachricht klingt es so:

Hört mir zu! Ich singe euch das Lied meines Freundes von seinem Weinberg:

Auf fruchtbarem Hügel, da liegt mein Stück Land,
dort hackt ich den Boden mit eigener Hand,

ich mühte mich ab und las Felsbrocken auf,
baute Wachtturm und Kelter, setzte Reben darauf.

Und süße Trauben erhofft ich zu Recht,
doch was dann im Herbst wuchs, war sauer und schlecht.

Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?

Die Trauben sind sauer – entscheidet doch ihr:
War die Pflege zu schlecht? Liegt die Schuld denn bei mir?

Ich sage euch, Leute, das tue ich jetzt:
Weg reiß ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;

zum Weiden solln Schafe und Rinder hinein!
Und die Mauer ringsum – die reiße ich ein!

Zertrampelnden Füßen geb ich ihn preis,
schlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schweiß!

Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen!
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!

Es ist ein grimmiges Lied geworden, nicht wahr? Ein Lied voller Zorn und bösen Gedanken. Eines, das von Gericht spricht und Strafe, das den Weinberg vernichtet und den Himmel verschließt. Und die Leute erschrecken. Hören auf, sich im Takt zu wiegen und mitzusummen. Vorbei die gute Laune, die die Melodie doch verbreitet hat. Stattdessen Unbehagen.

Der, der da singt, das ist doch nicht irgendwer. Der redet doch sonst im Auftrag Gottes. Und auch diesmal macht er klar, dass es um etwas Ernstes geht:

Der Weinberg des HERRN seid ihr Israeliten!
Sein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!

Er hoffte auf Rechtsspruch – und erntete Rechtsbruch,
statt Liebe und Treue nur Hilfeschreie

Das wollen die Leute nicht hören. Das tut ihnen weh, und am liebsten würden sie sich die Ohren zuhalten. Aber das Lied ist in der Welt und in der Luft. Und sie bekommen es nicht mehr aus dem Kopf. Hören es, bekommen es hinterhergesungen, erst als Spottlied, und dann, als eingetreten ist, was Jesaja ihnen angekündigt hat, als das Gericht da ist und der Weinberg zertreten, zur Belehrung. Warum habt ihr nicht früher reagiert? Warum habt Gott nicht gedankt für die Pflege, die er euch angedeihen ließ? Warum habt ihr keine Frucht gebracht, als noch Zeit dafür war?

Jetzt ist es zu spät. Gott ist nicht mehr für euch da. Er sorgt nicht mehr. Er kümmert sich nicht. Sogar den Himmel schließt er zu…

There is no grace in the eyes of the Lord….


III. Vergebliche Pflege (Danke, Kathrin Oxen)

So schön war der Weinberg. So lieblich angelegt. Wie die Elbauen hinter Dresden und wie die Mecklenburgische Seenplatte. Weites Land, mit Platz für viele Menschen. Reich wie die Städte an Rhein und Main mit ihren Hochhäusern und den Zentren der Macht und des Geldes. Pulsierend und lebendig wie die Metropolen an Spree und Isar und Neckar und Nesenbach, mit Kunst, Kultur und der Leichtigkeit des Seins.

Als ob Gott selbst dafür sorgte…. Ach, weil er sich sorgt!

Doch die Leute sehen es nicht. Fixieren sich auf das, was ihnen nicht gefällt. Schielen neidisch auf andere. Säen Misstrauen gegenüber allem, was fremd ist. Verlieren sich im Streit. Sitzen bockig im Schmollwinkel wie schlechte Verlierer einer glücklosen Wahl. Lassen es zu, dass unter ihren Augen Unrecht geschieht, Unschuldige leiden und mitten in dem reichen Land Armut und Ungerechtigkeit geschehen.

Der Herr sah hinab und sprach:“Es ist zu dumm!
Ich schuf die Menschen
doch ich weiß nicht mehr warum.“

Gott hoffte auf Rechtsspruch – und erntete Rechtsbruch,
statt Liebe und Treue nur Hilfeschreie…

Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?

Und ich denke mir: Die Welt ist nicht viel anders geworden seit damals, als Jesaja, Sohn des Amoz, sein Lied vom Weinberg gesungen hat. Es ist nicht so bei uns Menschen, wie Gott es sich gedacht hat. Es gibt Rechtsbruch statt Rechtsspruch, Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit, viele faule Beeren und wenig edle Reben. Und es gibt so viele böse Weingärtner.

Was sollte ich noch mehr tun? fragt Gott. Ich bin der Weinbergbesitzer. Ich bin der große Gärtner, dem die Welt gehört. Ich habe umgegraben, gebaut, gepflanzt, euch in eine bewohnbare, schöne Welt gesetzt. Es hat mich Mühe und Arbeit gekostet. Die Welt ist meine Pflanzung, mein Herz hängt an ihr.

Was habt ihr daraus gemacht, ihr Menschen? Wo sind die edlen Reben? Nichts auf dieser Welt gehört doch euch allein. Es geht durch eure Hände, kommt aber alles her von Gott.
Eine Antwort fällt mir schwer. Gott will die Früchte seiner Liebesmühe sehen und Menschen, die nach seinem Willen leben. Rechtsspruch statt Rechtsbruch, Gerechtigkeit statt Schlechtigkeit. Und gute Weingärtner unter uns Menschen.

Was bleibt mir übrig? Ich hoffe auf die Geduld des großen Gärtners. Ich hoffe auf seine Barmherzigkeit und Güte. Und darauf, dass es Gott so geht wie uns Menschen: Was du einmal sehr geliebt hast, das wird dir nicht gleichgültig. Nie.


IV. Solange die Erde steht

Und wieder denke ich an die Geschichte von Noah: Der landet nach vierzig Tagen auf dem Wasser, eingesperrt in der Arche, schaukelnd im hastig zusammengezimmerten Schiff schließlich wieder auf dem Trockenen.

Noah rief: „Herr, die Wasser rinnen fort!“
Der Herr sprach. „Noah sieh den Regenbogen dort:
bring alle Tiere und Menschen ans Licht
seid fruchtbar und mehret euch und reizt mich nicht.“

Und er verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ – Und Gott hält sein Versprechen. Auch in den Tagen, in denen er zornig ist und am liebsten den Himmel verschließen möchte über seinem Weinberg. Er hält zu den Menschen. Auch wenn die nicht zu ihm halten. Er hält Gericht über sie – und ist doch gleich wieder zur Stelle, sie zu retten. Lässt die Kinder heranwachsen. Stellt ihnen Menschen zur Seite, die für sie da sind. Lässt sie die Welt entdecken und die Liebe finden. Steht ihnen bei, wenn schwere Zeiten kommen. Hat einen Platz für sie bereit, wenn es ans Sterben geht.

Auf fruchtbarem Hügel, da liegt sein Stück Land,
dort hackt er den Boden mit eigener Hand,

… dort sollen die Reben und Früchte gedeihn,
dort wird er auch denen, die scheitern, verzeihn…

Und Noah wird Gnade finden vor seinen Augen…


V. Ich sing dir mein Lied

Das Lied vom Weinberg, es ist den Israeliten nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Gemocht haben sie es nicht. Aber sie sind es auch nicht mehr losgeworden. Es haftete an ihnen wie an Ilsebilse oder Bernhard oder Uschi. War wie eine Warnung. Passt auf, dass es euch nicht so geht wie dem Weinberg. Seht zu, dass ihr Frucht bringt. Dass ihr dem Weingärtner dankt, welche Mühe er in euch investiert. Also: entfaltet eure Gaben! Zeigt, was in euch steckt!

Setzt dem bösen Spottgesang andere Lieder entgegen. Eure Lieder. Singt Gott ins Ohr und findet einen Ton, der ihm ins Herz geht. Singt das Lob des Weingärtners und erzählt ihm von seinen Trauben. Und verlasst euch drauf: Er wird auf euch hören.

Und am Ende wird das böse Lied vom schlechten Weinberg abgelöst. Übertönt. Und wenn der Weingärtner nach seinen Reben schaut, soll er ein anderes Lied summen. Von Wachsen und Werden, von Himmel und Erde – von Gnade und Barmherzigkeit. Ein Lied vom Glück, in Gottes Weinberg zu leben. Ein Lied voll Dankbarkeit dafür, dass wir bei ihm einen guten Namen haben … und dass er seinen Bogen über uns in die Wolken stellt und für uns sorgt ein Leben lang.

Und wir werden Gnade finden vor seinen Augen in Ewigkeit.

Amen.

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