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Impuls zum Gemeindeforum am 31.03.2017
Stadtkirche Böblingen
Text: Gerlinde Feine – Orgel: Eckhart Böhm

3-
(c) Andreas Blauth

(Ferngerückt – unter dem Kruzifix)

Kirche in der Stadt.
Schon über 1000 Jahre. Nur am Ende des Tausendjährigen Reichs hatte sich‘s mal vorübergehend ausgepredigt.
Nach dem letzten Krieg haben sie die Steine hier oben neu sortiert:
Ein Schloss brauchten sie nicht mehr – lieber Bäume und Wind und einen Park zum Flanieren und Flirten.
Wohl aber brauchten sie ein Haus, an dem sie zusammenkommen konnten. Wo es Brot und Wein gab. Wo Kinder getauft und Tote betrauert wurden.

Kirche im Zentrum der Stadt.
Wahrzeichen. Viel fotografiert. Selten besucht.
Weihnachten ist immer noch proppenvoll. Und bei Konzerten. Ansonsten schonen wir unsere Kirche. Gönnen sie kulturbeflissenen Touristen und nostalgischen Heimaturlaubern.

Man hat schon ein paar Mal zurückgebaut. Emporen verkleinert. Stühle rausgenommen. Pfarrstellen reduziert, Arbeitsbereiche gestrichen.
Da soll noch mehr kommen. Ist es bald Zeit, das Licht auszumachen?

(Licht aus, Scheinwerfer an!)

Wenn das Licht wechselt, ändern sich die Konturen.
Wer dann schlechter sieht, der spitzt die Ohren.

MUSIK fängt langsam an
(erst mal ein langer Ton, dann mehr)

Hört genauer hin. Auch auf die Zwischentöne.
Auf das, was aus der Stadt unter der Kirche nach oben dringt. Auf die Klänge, die sie in sich trägt. Die vielen Gebete, die in ihr bewahrt werden.

Kurze Musik-Sequenz,
dann zurückgehen für den nächsten Abschnitt

Manche spüren das. Sind dafür empfänglich. Vorne im Chorraum, wo das Herz der Kirche schlägt.

„Unsere Stadtkirche“.
Heiliger Ort. Auch für die, die gar nicht mehr evangelisch sind. Selbst für die, die Gott gar nicht kennen. Und auch für den Typen, der hier immer sein Handy auflädt. Und dabei ganz ruhig dasitzt und meditiert.

Kirche in der Stadt.
Über dem Verkehr.
Weg von den Leuten?…

MUSIK
(hört nach einer Weile ganz auf)

 (Martha-Kirche – unter der Empore)

Nah bei den Menschen sein.
Das ist unser Ziel.
Bei den Menschen sein – und natürlich unter Leuten.
Wir gehören ja auch dazu. Niemand bleibt gern allein.

Kirche für die Stadt.
Mit Diakonie und Sozialstation, mit Bibeltreff und Seniorengeburtstag, Kirchencafé und OFTAs dort im Wald, wo man es schon als Kind guthatte.
Öfter noch als um das Wort Gottes versammelt sich die Gemeinde bei Kaffee und Kuchen. Maria hat keine Zeit mehr, um zu Jesu Füßen zu sitzen; ihre Schwester hatte ganz recht, es ist viel zu tun in der Küche.

(MUSIK: eilige „4füßige“ Trippelschritte unterbrechen –
im nächsten Abschnitt etwas Laut-Malen)

Irgendwann im Lauf der Zeit sind wir zur Martha-Kirche geworden. Fleißig und umtriebig, gut organisiert und effizient, dabei schwäbisch sparsam, mit festen Öffnungszeiten und einheitlichen Formularen… –
Für das „hyggelige“ sorgen Vintage-Möbel und immergrüne Pflanzen hinter dem Altar in einer leicht temperierten Kirche.
Den restlichen Traubensaft vom Abendmahl kann man wieder in die Flasche zurückgießen, und der Beutel mit den 500 Hostien reicht für ein ganzes Jahr.

MUSIK
(leicht wegfaden….)

„Ach Martha“, sagt Jesus da. „Du sorgst gut für viele Dinge. Aber nun wäre es Zeit. Willst du dich nicht zu mir setzen?!?“

MUSIK
(wird für den nächsten Abschnitt wieder leiser)

 (Wo kämen wir hin – beim Taufstein)

Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten,
wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um einmal zu schauen,
wohin man käme,
wenn man ginge.[1]

MUSIK hört auf

Kurt Marti hat das geschrieben, der Schweizer Dichter-Pfarrer, der vor ein paar Wochen 96jährig verstorben ist.
Das heißt – eigentlich hat er es ganz anders geschrieben. Auf Bärn-Dütsch, so, wie man es bei ihm zuhause sprach, und natürlich auch in der Kirche.
Gott spricht nicht nur Hochdeutsch. Und Kirche klingt nicht nur nach Bach.

MUSIK dazu…

Bei uns zum Beispiel, da klingt sie manchmal nach Gershwin. Oder nach Debussy. Und wenn es passt, nach Cohen und Co.
Wir sprechen Schwäbisch, Fränkisch, Badisch und so wie in den Städten und Dörfern der alten Heimat, in Siebenbürgen und in Kasachstan, in Schlesien und Pommern.
Wir lachen alle in derselben Sprache und auch die Tränen sind bei allen gleich. Wir haben weite Wege hinter uns, auch die, die nie über die Schönbuchlichtung hinausgekommen sind.
Und hören Geschichten von denen, die so fragten vor zweitausend Jahren: „Wo kämen wir hin, wenn wir diesem Jesus nachfolgen würden.“ Trotzdem sind sie losgegangen.

MUSIK fängt langsam an:
Schritte, schnell und langsam,
„Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt…“ usw.

Und kamen weit. Brachten das Evangelium vom See Genezareth hinüber in die Städte auf der anderen Seite des Mittelmeers.
Nun ruft er uns: „Du aber folge mir nach.“ Geh. Mach dich auf, schau mal, wohin wir kämen, wenn wir gingen. Achte auf den Klang der Stimmen und den Wechsel des Lichts. Gib dein Vertrauen nicht auf. Und höre nicht auf zu staunen. Dann kommst du weit.“

Finale mit MUSIK
Scheinwerfer aus,
Licht wieder an

[1]  – rosa loui, vierzg gedicht ir bärner umgangssprach, Luchterhand 1967; auch in: wo chiemte mer hi? gedicht und schtückli ir bärner umgangssprach, Buchverlag Fischer Druck, 1984

(Original schweiz.: „Wo chiemte mer hi // wenn alli seite // wo chiemte mer hi // und niemer giengti // für einisch z’luege // wohi dass me chiem // we me gieng.“)

 

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