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Musikalischer Gottesdienst
zur Erinnerung an die Übergabe der Confessio Augustana
anlässlich der Visitation durch Prälat Dr. Christian Rose

Sonntag, 25. Juni 2017 – Stadtkirche St. Dionysius Böblingen
(Liedblatt: CA-Gottesdienst mit Musik)

Predigttext: Nehemia 8 und Matthäus 5 in Auswahl

Fischer-Walter Vogel
„Friedensvogel“ von Claudia Fischer-Walter – Installation in der Stadtkirche im Sommer 2017

 

(Das Wort vor dem Tor)

Es ist nicht ganz einen Monat her, da machten sich hunderttausend Menschen oder mehr auf den langen und wegen der Hitze recht beschwerlichen Weg auf die Elbwiesen vor Wittenberg. Vor den Toren der Stadt feierten sie einen großen Gottesdienst zum Abschluss des Kirchentags, ein fröhliches Fest mit Musik, Gebet und einem Picknick, so wie die Leute in Israel im Anschluss an Esras Predigt – so wie die Menschen, die sich um Jesus versammelt hatten auf dem Berg in Galiläa, von wo aus er sie lehrte…

Wie viele es damals waren, wissen wir nicht genau, trotz der langen Listen, mit denen dokumentiert wurde, wer wieder zurückgekommen war aus der Gefangenschaft. Aber wie sie sich gefühlt haben mögen, das kann ich mir jetzt, nach jenem sonnigen Sonntag vor vier Wochen, besser vorstellen: Öffentlich Gottesdienst feiern – endlich wieder! – die Worte der Bibel hören und verstehen – sich besinnen auf das, was man gelernt hat – mit der Erfahrung des eigenen Lebens verbinden – weiterdenken – gemeinsam Glauben feiern.

Und wissen: „Die Freude am Herrn ist unsere Stärke!“
Hört das Wort! Dieser Tag ist heilig!

Und die Ohren des ganzen Volkes waren dem Heiligen Buch zugekehrt… Gemeinsam hörten sie hin. Und merkten: Es liegt an uns, wie es weitergeht mit Gottes Welt. Ob sie spürt, wes Geistes Kinder wir sind. Was uns trägt und was uns leitet. Es liegt an uns. An dir und mir.  

Deshalb:
Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Vergiss es nicht, wenn du zurückgehst in die Stadt.
Pflege die Gaben, die du empfangen hast. Handle so, dass auch andere erkennen, aus welcher Quelle du lebst, woher du deine Kraft beziehst und worauf du deine Hoffnung gründest.

Hört das Wort! Die Freude am Herrn ist eure Stärke…
Hört das Wort – und denkt es weiter.


(Ihr habt gehört, was gesagt ist)

Die Fünftausend oder mehr, die sich um Jesus versammelt hatten, hörten Unerhörtes. Radikal weitergedacht wurden da die alten Gebote und Regeln – und doch war es nur konsequent: Gott lässt regnen über Gerechte und Ungerechte – und seine Sonne scheint über Böse und Gute.

Also mach du keinen Unterschied. Er passt nicht zu dem, was du von Gott weißt. Bleib konsequent in deinem Glauben. Und in deinem Vertrauen auf Gott. Erlaube dir nicht, Gottes Wort abzumildern oder so zu verändern, dass es dir besser passt, dass du leichter damit leben kannst und dich nicht anstrengen müsstest. Mach keine faulen Kompromisse.

Ihr habt gehört, was gesagt ist: Die Freude am Herrn ist eure Stärke…Hört das Wort, das ich euch sage. Und lebt danach.


Kantorei: „Allein auf Gottes Wort“            Johann Walter

 

(Vom Elstertor nach Augsburg)

Auf dem Rückweg von der Festwiese bin ich an der sogenannten „Luthereiche“ vorbeigekommen. Sie steht an der Stelle, an der Martin Luther am 10. Dezember 1520 die Bannandrohungsbulle des Papstes zusammen mit anderen Schriften verbrannt hat. Öffentlich. Auch da waren viele Menschen dabei, draußen vor dem Elstertor, und haben sich diesem Protest angeschlossen.

Denn ein Protest war es – gegen Fehlentwicklungen in der Kirche, gegen Autoritäres Machtgebaren ohne Rückhalt in der Bibel, gegen die Angst vor Hölle und Fegefeuer, gegen Glauben ohne Hoffnung….

Hört das Wort! Die Freude am Herrn ist eure Stärke…

Und gestärkt durch das Wort – gestärkt durch den Glauben an Christus und das Vertrauen auf das Evangelium – ging Martin Luther (und mit ihm viele andere) den Weg, der letztlich dazu führte, dass wir heute hier miteinander feiern. Das große Jubiläum erinnert auch daran, dass die berühmte Geschichte vom Thesenanschlag erst ein Anfang war – dass viele weitere Ereignisse folgten, Streit und Versöhnung, Protest und Verhandlungen, auch Krieg und Leid….

Das Augsburger Bekenntnis war so ein Meilenstein. Im vorigen Jahrhundert hat man das Reformationsgedenken sogar daran festgemacht – denn 1917 stand niemandem der Sinn nach Feiern…. Und doch hat es nicht verhindern können, dass die Freude am Wort, die den einen Stärke war, die anderen zu Feinden machte. Erst über hundert Jahre später war wirklich Frieden – aber dafür auch eine lange unerbittliche Trennung. Jesu Wort von der Feindesliebe blieb lange ungehört zwischen den Konfessionen!

Umso dankbarer feiern wir dieses Jubiläum ökumenisch. Vergnügt. Erlöst. Befreit. Aus den alten Gegnern sind Freunde geworden. Geschwister waren wir ohnehin immer.

In der Kantorei singen auch Geschwister aus der Katholischen und der Methodistischen Gemeinde mit. Anche d’Italia: Buongiorno, Marco! Grazie per cantare con noi oggi! – Marco Buccolo aus unserer Partnerstadt Alba im Piemont verstärkt ganz selbstverständlich den Tenor… und setzt ein Zeichen der Geschwisterlichkeit.

Die Augsburger Konfession hatte das nie bestritten. Im Gegenteil. Sie war als ein Gesprächsangebot gedacht gewesen, das die Gemeinsamkeiten festhielt und an das erinnern wollte, was uns gesagt worden ist von alters her…

Hört das Wort! Die Freude am Herrn ist eure Stärke…

Und ich bin froh, dass wir gerade jetzt wieder genötigt werden, sie genauer zu studieren. Jetzt, wo Pfarrplan und Nachwuchssorgen manche Idee hervorbringen, die unserer Kirche nicht unbedingt guttut. Da ist es klug, wieder nachzulesen und zu hören, was gesagt wurde vom Predigtamt und von der Kirche:

Es wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben.

Um solchen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er den Heiligen Geist gibt, der den Glauben wirkt, wo und wann er will.

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente gereicht werden.

Dazu ist die Kirche da. Und so soll in ihr der Glaube praktiziert werden. Gemeinsam und voll Liebe zueinander… gut, dass wir uns daran erinnern.

Hört das Wort! Die Freude am Herrn ist eure Stärke…


Orgelimprovisation (mündet thematisch in „God be in my head“)


(Gott sei stets in mir)

Die Reformation war eine Bewegung, die ganz Europa erfasst hat. Überall prüften die Menschen, ob die Art, wie sie ihren Glauben praktizierten, noch im Einklang stand mit dem, was sie gehört und gelernt hatten. Auch in England.

Dort waren im Mittelalter sogenannte Stundenbücher in Gebrauch gekommen. „Books of Hours“ hießen sie und enthielten Gebete für die verschiedenen Tageszeiten, eine Sammlung biblischer Geschichten, den Psalter und die Seligpreisungen sowie eine Ordnung der Gedenktage und einen Kalender für die nächsten Jahre, also alles, was man brauchte, um sich als Christ im Alltag zurechtzufinden. Zunächst waren sie dem Adel vorbehalten; nach der Erfindung des Buchdrucks wurden diese Stundenbücher auch für einfachere Leute erschwinglich.

Die jedoch taten sich schwer mit den lateinischen Gebeten. Da hatte ein Buchdrucker eine geniale Idee: Warum nicht ein paar englische Texte einfügen – und dies den Leuten auch zeigen?!? Auf den Titelblättern seiner diversen Buchausgaben ließ er deshalb nicht nur eine Inhaltsangabe drucken nebst einer beispielhaften Illustration, nein, ein kleines Gebet, eigens aus dem Französischen ins Englische übersetzt, fand auch noch seinen Platz auf dieser ersten Seite: „God be in my head and in my understanding, God be in my eyes and in my looking, God be in my mouth, and in my speaking, God be in my heart and in my thinking, God be at my end and in my departing.“  – Gott sei stets in mir, in allen meinen Sinnen, sei im Augenlicht und in den Blicken, sei in meinem Mund und in den Worten, sei in meinem Herzen und im Denken. Gott sei auch in mir in der letzten Stunde.“
(
leise dazu unterlegt Improvisation zu „God be in my head“)

Das hat uns die Kantorei am Anfang des Gottesdienstes gesungen. Und das stand also über 50 Jahre bei jeder Neuauflage auf der ersten Seite dieser Stundenbücher, und siehe da! Sie verkauften sich ausgezeichnet. Und sie wurden benutzt! Mehr noch, es wurde nicht nur mit ihnen gebetet, es wurde ebenso sehr mit ihnen gearbeitet. Man machte sich Notizen oder schrieb wichtige Ereignisse auf wie in einem Tagebuch – Schreibmaterial war ohnehin kostbar, außerdem hatte man das Stundenbuch fast immer dabei. Eine Mutter versah ihr Book of Hours mit vielen praktischen Tipps für die Tochter, die es dann bei der Hochzeit für ihren eigenen Hausstand bekommen sollte, ein anderer kommentierte aufmerksam die Loslösung der Church of England von Rom, indem er alles, was man nun nicht mehr brauchen konnte, weil es „katholisch“ war, in seinem Stundenbuch einfach durchstrich oder anderweitig zensierte. Sir Thomas More, der Premierminister Heinrichs des VIII., der diesen Weg der Englischen Reformation nicht mitgehen konnte, nahm sein Stundenbuch mit in den Tower – die Notizen, Gebete und Kommentare, die er während seiner Gefangenschaft hineinschrieb, erzählen uns heute noch von der Gewissenhaftigkeit, mit der er sich die Weisungen der Bibel zueigen gemacht hatte. Für Thomas More hieß das: Leiste keinen Meineid, schwöre nichts, was du nicht vor Gott vertreten kannst. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders….“ – Denn das wäre ja der rettende Ausweg gewesen – sich zu verstecken, nicht offen und ehrlich zu den eigenen Grundsätzen zu stehen, faule Kompromisse einzugehen. Doch das geht gerade nicht, wenn man jeden Tag mit der Bitte beginnt: „Gott, sei stets in mir, in allen meinen Sinnen“, es geht nicht, darum zu bitten, daß Gott selbst aus uns heraus leuchtet und unseren Weg hell macht – und dann sein Licht unter den Scheffel stellen zu wollen…

Es geht auch nicht, wenn man sich an die Versammlungen auf dem Feld erinnert, von denen die Bibel erzählt. Wenn man an Esra denkt. Und an Jesus. An ihre Predigten. Und an das, was sie einschärften:

Hört das Wort! Die Freude am Herrn ist eure Stärke…

„Ich erinnere mich noch an das Gefühl, mit dem ich … die zierliche Handschrift aus dem 15.Jahrhundert sah, die an den Rand eines Datums im November geschrieben hatte: „Meine Mutter ist heimgegangen zu Gott“ “ So schreibt ein Wissenschaftler, der sich viel mit den „Books of Hours“ beschäftigt hat – Seine eigene Mutter war erst kurz vor diesem Fund gestorben. „Für einen Moment waren die Jahrhunderte zwischen mir und der früheren Eigentümerin verschwunden, weggewischt von der gemeinsamen Erfahrung des Verlusts.“ (E.Duffy, Marking the Hours, pp. VIII-IX) – und, so möchte man hinzufügen, aufgefangen vom gemeinsamen Wissen, wo Trost und Hilfe zu finden seien: God be at my end and in my departing – Gott sei auch in mir in der letzten Stunde…

Darum geht es. Zu wissen, was bleibt. Festzuhalten, was man glaubt. Und gemeinsam zu tun, was recht ist:

Hört das Wort! Die Freude am Herrn ist eure Stärke…

Amen.

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