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Predigt über Matthäus 28,1-10 am Ostersonntag 2017 in der Stadtkirche Böblingen

Der Predigttext ist zugleich Evangeliumslesung (in der Übersetzung der Basisbibel).
Vor der Predigt spielt Kantor Eckhart Böhm

Ch.M.Widor: Toccata F-Dur (5. Orgelsinfonie, Schlußsatz)*

leeresGrab-2009-1

(Himmlische Unruhe)

Heute morgen flirrt die Luft.

So wie flinke Finger über die Tastatur laufen und die Akkorde wie kleine Staccatowellen in den Raum schicken. So flimmerts und flirrts und surrts und schwirrts…

Du kannst es richtig kribbeln spüren. Diese produktive Unruhe, dieses Flimmern in der Atmosphäre… Alles in Bewegung, aber nur ganz sacht, klein, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, aber unwiderstehlich stark…

Hinter den Kulissen. Hinter dem heller werdenden Blau des Morgenhimmels, auf der Rückseite der Wolken, über der Atmosphäre. Da machen sie sich bereit für den großen Moment, nehmen ihre Plätze ein, drängeln sich nach vorn, dort, wo man die beste Sicht hat auf die Erde. Denn gleich passierts…

Der Sabbat war vorüber.
Da kamen ganz früh am ersten Wochentag Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

Alles sieht aus wie du es verlassen hast – und doch ist alles anders. Du fühlst es, bevor du es siehst. Und du verstehst nicht, woher es kommt.

Bis du merkst: Der Himmel ist in Bewegung. Es bahnt sich etwas an.

Und sieh doch: Plötzlich gab es ein heftiges Erdbeben,
denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab.
Er ging zum Grab, rollte den Stein weg und setzte sich darauf.
Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und seine Kleider waren weiß wie Schnee.
Und der Engel sagte zu den Frauen: »Habt keine Angst!

Fürchtet euch nicht. Obwohl doch gerade so viel Fürchterliches passiert ist.
Fürchtet euch nicht, wenn die Erde bebt und Engel auf die Erde kommen.
Fürchtet euch nicht vor dem Tod.

Ganz ruhig sagt er das. Ganz unaufgeregt. Großer Auftritt. Klare Linie. Vernünftiger Plan.

Wenn alles in Aufruhr ist, muss jemand da sein, an dem man sich orientieren kann. Wenn alles durcheinandergerät, braucht die Welt einen Engel, der auf den Gräbern sitzt und die Schaulustigen fortschickt:
«Geht weiter. Hier gibt es nichts zu sehen!»

Und jetzt geht schnell zu seinen Jüngern!
Sagt ihnen: ›Jesus wurde vom Tod auferweckt.‹
Das Grab ist leer: Jesus ist nicht hier.
Gott hat ihn vom Tod auferweckt, wie er es vorausgesagt hat.

Und hinter den Kulissen, dort, jenseits der Wolken, da hibbeln die Engel und drücken die Daumen und warten gespannt: «Nun freut euch doch, ihr Menschen!» Gut ist es ausgegangen mit Gottes Kind. Gut soll es nun werden für alle!

Habt keine Angst. Fürchtet euch nicht.


(Tatort ohne Leiche)

Es bahnt sich etwas an. Die Welt ist in Bewegung.
Schon seit geraumer Zeit. Wir haben es lange nicht bemerkt. Zu weit weg waren die Epizentren des Bebens. Zu fein die seismographischen Ausschläge.

Dass anderswo auf der Welt Bewaffnete in Scharen zu Boden fallen, dass die Gräber knapp werden und das Mittelmeer ein großes Leichentuch… wir haben es lange ignoriert.

Es gab auch bei uns stets genug zu fürchten.

Angst ist immer etwas Persönliches. Sie fragt nicht danach, ob es anderswo schrecklicher ist als hier. Sie zählt nicht die Opfer, sondern sie sorgt sich um das, was sie liebt. Sie fürchtet die Gefahr und rechnet mit dem Schlimmsten.

Und wer sich fürchtet, kommt vor Schreck nicht von der Stelle. Der dreht sich im Kreis mit seiner Angst und seinen Sorgen. Da helfen keine Argumente und auch keine Politik der Abschreckung. Im Gegenteil. Es macht mir Angst, wenn Stärke demonstriert wird mit unfassbar starken Bomben von gewaltiger Sprengkraft. Denn von dort, wo sie einschlugen, breitet sich ein Beben aus in alle Richtungen. Und erzeugt neue Angst. Und bringt neue Tote.

Die Welt braucht einen Engel, der den Menschen sagt:
«Geht weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.»

Schaut nicht auf ein Grab. Schlagt keine Wurzeln an den Plätzen, an denen der Tod zuhause ist. Macht euch auf. Zieht weiter.
Denn dieses eine Grab ist leer, und deshalb werden auch die anderen Gräber keinen Bestand haben.

Ganz ruhig sagt das der Engel, dort oben auf dem schweren Stein, und seine Füße schwingen dazu im Takt der himmlischen Melodie. Hinter ihm ist Unglaubliches geschehen und wartet darauf, entdeckt zu werden.

Aber dazu müssten sich die Menschen aufmachen. Weg von den Gräbern, wo alles kahl und staubig ist, hinauf in die fruchtbare Landschaft im Norden, wo schon Orangen reifen und Erdbeeren geerntet werden.

Und wir Christen sollten ihnen vorangehen. Fröhlich und mit klopfenden Herzen, hopsend wie Kinder beim Osterspaziergang. Die anderen abholen, die noch zuhause sitzen hinter halb zugezogenen Vorhängen, misstrauisch gegen Nachbarn und Fremde. «Kommt mit, hier gibt es nichts zu sehen.»

Doch so ein leerer Tatort hat auch seinen Reiz: Es gibt zwar nichts zu sehen, aber das will auch dokumentiert werden. Wir fragen nach historischer Wahrheit und archäologischen Befunden. Wir entwickeln Hypothesen und flüchten uns in Allegorien: «Ostern ist wie…».
Wir machen es uns bequem in dem Garten, den Jesus längst verlassen hat, bitten zum Picknick unter grünen Bäumen, schwelgen in Erinnerungen und wundern uns, wo die anderen sind. Und haben den Anschluss längst schon verpasst.

Seht doch: Er geht euch nach Galiläa voraus.
Dort werdet ihr ihn sehen.

Habt keine Angst. Fürchtet euch nicht. Geht einfach los!


(Alles in Bewegung)

Denn ihr werdet Jesus begegnen.

Die Frauen waren erschrocken und doch voller Freude. Schnell liefen sie vom Grab weg, um den Jüngern alles zu berichten.

Und sieh doch:
Da stand Jesus vor ihnen und sagte: »Seid gegrüßt!«

 Als hätten sie noch nicht genug Überraschungen erlebt. Als wäre das, was sie gerade gesehen hatten, noch nicht überzeugend genug gewesen – Erdbeben, Engel, das leere Grab…

 Sie gingen zu ihm, berührten seine Füße und warfen sich vor ihm zu Boden.

 Und von der anderen Seite der Wolken schauen die Engel auf die Szene. «Versteht ihr es jetzt, ihr Menschen? Erkennt ihr, was Gott für euch angerichtet hat?»

Was ihr mit Jesus erlebt habt die letzten Jahre – was ihr von ihm gelernt habt auf den Wegen durchs Land und an den langen Abenden mit den Freundinnen und Freunden überall – was ihr an wunderbaren Dingen geschehen saht– das sollte euch vorbereiten auf das, was jetzt kommt. Da hat er euch gezeigt, wie es im Himmel zugeht und wie es auf der Erde werden möchte. Das waren Gottes Ideen für seine neue Welt. Und ihr sollt sie nun wahr werden lassen.

 Da sagte Jesus zu ihnen: »Habt keine Angst!
Geht und sagt meinen Brüdern: ›Macht euch auf nach Galiläa.
Dort werdet ihr mich sehen.‹«

 Wir werden noch einmal zusammen sein. Einander vergewissern. Einander verzeihen. Ich werde euch senden. Und ihr werdet der Welt berichten, was ich euch aufgetragen habe. Geht weiter. Weg von den Friedhöfen. Hin ins Leben.

 
An Ostern flirrt die Luft.

Und setzt alles in Bewegung.

Ganz ruhig räumt der Engel die Steine von den Gräbern weg.
Ganz aufgedreht hüpfen die Botinnen und Boten durchs Land.
Und ganz sachte vibrierend, in eiligen Läufen, öffnet sich der Himmel weit: Macht euch auf. Geht in die Welt. Und habt keine Angst.

Das Grab ist leer.
Amen.


*Widors Toccata mit ihren drei sich wiederholenden Motiven ersetzt das „Gloria“ nach dem Evangelium und schafft eine strahlende Atmosphäre, in der die Osterbotschaft sich entfaltet. Dabei können die schreitenden Akkorde im Pedal mit dem Auftreten des Engels assoziiert werden. Die pochenden Akkorde illustrieren den eiligen Schritt der Frauen, die die Botschaft zu den anderen bringen und „nach Galiläa“ eilen, während die schnellen, hohen Sechzehntel der himmlischen Sphäre zugeordnet werden, wo die Engel im Himmel aufgeregt beobachten, was auf der Erde passiert.
Widor selbst schrieb dazu: „Ich habe bei dieser Toccata den Manualklavieren eine Figur von äußerst rascher und gleichmäßig fließender Bewegung gegeben, um den breiten Triumphgesang des Doppelpedals im Wiederholungsteil desto eindrucksvoller zu gestalten.[4]

 

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