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Predigt über Markus 12,37kupfermuenzen-angelaufen-44 am 19.3.2017 – Stadtkirche Böblingen

Am Ausgang

„Der Eintritt ist frei. Um eine Spende am Ausgang wird gebeten.“ – Und dann stehen da, nach der Veranstaltung, dem Konzert, dem Gottesdienst…., Menschen mit Körbchen in der Hand an jeder Tür, und man kommt nicht hinaus, ohne auch an ihnen vorbeizugehen. Man kann sie nicht ignorieren. Und guckt natürlich, wie viel schon drinliegt.

Ist ja auch eine Richtschnur.

Hmmm. Lauter Scheine. Da sind die 2 Euro aus meinem Münzfach zu wenig. Aber den Fünfziger kann ich nicht opfern. Der muss noch bis Mittwoch reichen. Darf man eigentlich wechseln in solchen Körbchen, kniggetechnisch? Darf man sagen: „Heute nicht“? Wenn wir zu zweit sind, dann sagen wir das – „das ist jetzt von uns beiden“. Wenn ich kein Geld dabei habe, druckse ich herum. Und manchmal bin ich schon wieder zurückgekommen, habe noch gebracht, was ich im Auto hatte oder im Büro. Denn so ein Körbchen ist ziemlich öffentlich. Alle können sehen, ob ich großzügig bin. Oder knapp bei Kasse.

Dem Körbchen an der Tür kann ich nicht ausweichen. Schlimmer noch: Es entspricht nicht unserem diskreten Stil. In den ersten Wochen in Böblingen gaben mir die Kollegen den Tipp: „Stell dich zum Abschied immer an dieselbe Tür. Dann wissen die Leute, wo sie rausgehen können, wenn sie nicht wollen, dass man sie beobachtet…“ Diskretion auch beim Spenden: ein Brief mit einem bunten Faltblatt und einem Überweisungsträger – und ein paar Wochen später dann die Spendenbescheinigung. Da wieder ist es wichtig, dass die nicht ohne Dankschreiben verschickt wird. Und dass das die Person mit unterschreibt, deren Arbeit die Spende gilt:

Ich will, dass du siehst, wie großzügig ich bin.
Ich will nicht, dass du siehst, wie wenig ich habe.

Ich will nicht ertappt werden. Nicht in meiner Not, nicht in meinem Wohlstand, nicht mit meinem schlechten Gewissen.

Am Opferkasten

Denn ein schlechtes Gewissen, das müssen sie ja haben, die Schriftgelehrten in der kleinen Geschichte, die Markus, der Evangelist, uns heute erzählt.

Gerade hat Jesus sie scharf angegriffen. Hat ihnen unterstellt, ihr Reichtum käme nicht durch harte Arbeit, sondern durch unrechtes Handeln.

Sie bringen die Häuser der Witwen in ihren Besitz und sprechen nur zum Schein lange Gebete.

Nun denken sicher alle, es sei eigentlich das Geld der Witwe, das ihre Taschen und die Büchse füllt. Und dass sie nichts mehr hat als zwei kleine Kupfermünzen, das sei ihre Schuld. Sie können die stummen Vorwürfe in den Gesichtern derer lesen, die ihnen beim Opfern zuschauen. Sie spüren ihr Urteil, und es treibt ihnen die Röte ins Gesicht – aus Scham und aus Ärger über den, der sich da so demonstrativ neben den Kasten gesetzt hat.

Der sieht, wie viel sie opfern.

Was will er da, so nah an diesem Ort diskreten Handelns? Will er ihnen ein schlechtes Gewissen machen mit seiner stummen Frage?

„Was ist es dir wert, wieder ruhig schlafen zu können? – So wenig?!? So viel?!?“

Kauf dich frei

Was ist der Tarif für unsere Skrupel?

Gestern habe ich meine Anmeldung zum Kirchentag abgeschickt. Schon lange gibt es da ein Feld, wo man den Rechnungsbetrag aufstocken kann durch eine Spende. Eine Zeitlang hat einem der Computer da auch ausgerechnet, wie viel angemessen wäre, um den Schaden an der Umwelt wieder auszugleichen, den man durch seine Teilnahme am Kirchentag auslöst – die Fahrt, die Belastung durch die Großveranstaltung, all das, was zum „Ökologischen Fußabdruck“ gehört. Das ist ja auch eine sehr diskrete Form des Beschämens, und vielleicht haben die Verantwortlichen sie deshalb wieder vom Schirm genommen, weil es nicht zusammenpasst, einerseits zum Kirchentag einzuladen und andererseits gleich bei der Anmeldung zu bekennen, dass das ökologischer Unsinn ist. …

Aber die Ideologie der Schuld, die kennen wir auch anderswo her. Von den Diskussionen mit frisch bekehrten Veganern zum Beispiel. Oder von den Feinstaub-betroffenen Stuttgartern. Ich erinnere mich an einen Kommilitonen, der ein Auslandsjahr in Australien verbracht hatte und anschließend demonstrativ mit dem Kilometerzähler in der Hand erst die gesamte Flugstrecke in Hin- und Rückflug per pedes und auf dem Fahrrad „nachholte“, bis er wieder in so eine „Kerosinschleuder“ steigen „durfte“ (heute klappt das nicht mehr, lieber Boris Palmer…).

Solche Kompensationsleistungen erbringen wir inzwischen alle, mehr oder weniger konsequent. Fragen „Isch des bio?“ – „Oder wenigschdens ‚regional‘?“ (Bärbel Stolz aka Prenzlschwäbin). Und immer leben wir dabei auf Kosten anderer…

Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten… Sie möchten respektvoll gegrüßt werden. … Sie geben nur etwas von ihrem Überfluß… Dafür werden sie hart bestraft werden.

So berichtet Markus von dieser Episode am Opferkasten… Eigentlich also eine moralinsaure Geschichte. Eine von denen, wo mir Jesus fremd wird in seiner Strenge und Freudlosigkeit (jedenfalls schildert Markus das so!). Wo er nicht vom kommenden Gottesreich redet, nicht „fümfe grade sein läßt“ und sich nicht einlädt bei den Leuten auf ein spontanes Festmahl zur Feier der Freiheit von Zwang und Schuld. – eine ärgerliche Geschichte: Wäre da nicht…

Gib, was dir fehlt!

… ja, wäre da nicht die Sache mit dem anderen Körbchen.

Das steht bei meinem Lieblingsbäcker oben auf dem Tresen, gleich neben der Kasse. Da sind Münzen drin. Kleinstgeld. Kupfer. Und ein handgeschriebener Zettel: „Nimm, was dir fehlt!“ Und wenn einer beim Bezahlen feststellt, dass gerade fünf Cent zu wenig im Münzfach sind, dann kann man die aus dem Körbchen ergänzen. Oder eine „große“ Münze wechseln, damit sie nicht fehlt, wenn man den Einkaufswagen holt. Einfach so.

Das funktioniert prima, weil immer wieder mal auch jemand etwas hineinlegt. Meist das, was man sowieso nicht braucht. „Kupfer“ halt. Ist nichts wert, macht aber den Geldbeutel schwer. Ist erst in großen Mengen interessant – zum Tauschen. Bringt nichts.

Aber genau dieses „Kupfer“ kann den Unterschied machen für den, dem es fehlt.

  • Den Unterschied zwischen einem heißen Kaffee oder dem „Kleinen Feigling“ an der Tanke, der seltsamerweise immer noch weniger kostet
  • Den Unterschied zwischen einem Rosinenbrötchen und einem knurrenden Magen in den ersten drei Schulstunden
  • Den Unterschied zwischen einem Platz am Stehtisch und der zugigen Ecke in der Unterführung
  • Den Unterschied zwischen anschreiben lassen und zahlen können…
  • …..

Die Witwe in unserer Geschichte gibt ihr „Kupfer“ in dem festen Glauben, dass die zwei kleinen Münzen genau das sind, was einem anderen dringend fehlt. Sie gibt, was sie hat, weil sie weiß, dass es ein anderer braucht. Dass das, was nichts wert ist, für andere kostbar sein kann. Sie gibt ihren Lebensunterhalt für ein anderes Leben. Sie kann es entbehren. Andere brauchen es nötiger als sie. Das macht sie reich.

Nimm, was er gibt

Und Jesus sieht sie an und denkt: „Für dich gebe ich alles. Alles, was ich bin.“
Mein Leben für deines. Meine Hoffnung für Gottes neue Welt.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum er überhaupt dort Platz genommen hat, an dieser Ecke der Diskretion, der Scham und des schlechten Gewissens?!? Vielleicht wollte er die sehen, für die sein Opfer bestimmt ist:

  • Die Witwe, die alles gibt, was sie hat
  • Den Schriftgelehrten, der für seine Skrupel bezahlt
  • Und alle anderen, davor und danach, mit ihren Lasten, Hoffnungen und Träumen

Er sieht sie. Sieht sie an und versteht ihre Not. Sieht, was sie haben. Was sie geben. Und was sie für sich behalten möchten. Und macht sich auf und bringt sein Opfer.

Für uns gibt er. Alles, was wir zum Leben brauchen.

Denn alle anderen haben nur etwas von ihrem Überfluß gegeben. Aber der, der selbst arm ist, gibt alles, was man zum Leben braucht. Menschenschicksal.

Amen.

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