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Predigt am 15. Januar 2017 – 2. Sonntag nach Epiphanias
mit Dank an das Zentrum für Predigtkultur für die inspirierenden Diskussionen und das allwöchentliche Teilen von Wörtern und Gedanken

Nach dem Aufbruch aus Ägypten, nach dramatischen Szenen am Roten Meer und wundersamen Erfahrungen in der Wüste lagert das Volk Israel am Sinai. Und Mose steigt auf den Berg, um mit Gott zu reden „wie ein Mann mit seinem Freund redet“. Lange – sehr lange – bleibt er weg. Die unten haben schon Zweifel, ob er überhaupt wiederkommt. Doch er will nicht aufbrechen ohne einen Beweis, dass Gott seine Versprechen hält. Hört selbst, was erzählt wird im 2. Buch Mose im 33. Kapitel:

Gott sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.
Und Mose sagte: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
Und Gott antwortete: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen meinen Namen vor dir. Er lautet: 
Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.
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Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

(Schau mir in die Augen, Kleines)

Sie gehen hintereinander her. Ein Mann und eine Frau. Der Weg ist steil und gefährlich. Links und rechts merkwürdige Gestalten, die nach ihnen greifen. Stimmen in der Dunkelheit. Seltsame Geräusche. Die Frau bekommt Angst. Ruft. Bittet ihren Führer, sich doch wenigstens kurz zu ihr umzudrehen und sie anzuschauen. Doch der bleibt stumm und standhaft.

Schau mich an. Schau mir in die Augen. Die Augen – sagt man – sind der Spiegel der Seele. In ihnen sehe ich, wer du bist. Und ich sehe mich in dir, klitzeklein und ein wenig verzerrt. Wenn wir auf Augenhöhe sind.

Ein Augen-Blick entscheidet über Wahrheit und Vertrauen: „Kannst du mir noch in die Augen schauen?“ – „Schau mich an, wenn du das sagst“ An-gesehen werden. An-gesehen sein. – Aber eben auch: Dem Blick ausweichen. Nicht standhalten. Scheel dreinschauen. Schielen.

Schau mir in die Augen. Dann erfährst du mehr, als ich dir sagen kann.  – Lass mich dich anschauen, damit ich weiß, woran ich bin.

In deinen Augen sehe ich, ob wahr ist, was du sagst.
In deinen Augen erkenne ich, ob ich dir vertrauen kann.
In deinen Augen lese ich, ob du mich wirklich liebst.

Gib mir Gewissheit, bittet Eurydike, die Frau des Orpheus, als der sie in der antiken Sage aus der Unterwelt herausführen will. Erst wenn sie das Tageslicht erreicht haben, darf er sie ansehen. Doch ihre Zweifel erweichen ihn – er dreht sich um und verliert sie endgültig. Weil Blicke töten können.

(visibilia et posteriora Die – Danke, Friedrich Mildenberger!)

Lass mich dich anschauen, damit ich weiß, woran ich bin, sagt Mose zu Gott. Doch das geht nicht.

In seiner Herrlichkeit lässt Gott sich weder sehen noch zeigen. Nur hinterhersehen kann man ihm. Nie „Gott für sich allein“, sondern immer verschoben, überblendet, verdeckt oder in der Umkehrung, im komplementären Gegenüber, der Kehrseite des Glanzes. Spiegelbild, klitzeklein und ein bisschen verzerrt.

Gott im anderen – in denen, die nach seinem Bild geschaffen sind. In ihrem Lachen, ihren Fragen, ihren Blicken. In den Augen, die mich spiegeln.

Gott in Leid und Kreuz – sagt Martin Luther (Heidelberger Disputation, 1518). In dem, was wir gern verbergen vor den Blicken anderer. Dort, wo wir nicht hinschauen wollen.

Und schließlich: Gott in mir, in Brot und Wein oder in Manna und Wachteln. Schmecken und sehen, was dann passiert. Zeichen der Gemeinschaft mit den anderen und mit ihm.

Das ist viel! Und doch zu wenig – Vertröstung! – wenn man in der Wüste sitzt und nicht vorankommt. Zu wenig für das Volk Israel und zu wenig für Mose:

Hinter ihnen liegt Ägypten mit den Häusern aus Stein und den fruchtbaren Gärten aus Nilschlamm. Vor ihnen und um sie herum vorerst nur die Wüste mit Sand und Felsen und Staub. Und das vage Versprechen vom Land, in dem Milch und Honig fließen..

In der Erinnerung verschwimmt manches. Der Moment der Freiheit beim wunderbaren Zug durchs Meer. Die Jahre der Angst davor. Das Vertrauen in Feuerschein und Wolke. Die Hoffnung auf Weinberge und fruchtbares Land für Mensch und Tier.

Klein ist das Lager, in dem sie sich sicher fühlen können. Und groß die Sehnsucht nach klaren Sätzen, nach einfachen Antworten, Goldenen Kälbern, sicheren Wegen und alten Zeiten.

Da steht das Volk, stehen Aaron und die anderen, die Mose zurückgelassen hat, und sie stecken den Kopf in den Sand und halten ihn für Nebel, durch den sie sich allein hindurchtasten müssen, Schritt für Schritt, ohne Orientierung und Weg.

Und Mose?!? Der steht auf seinem Felsen. Über dem Sand und über dem Nebel und über den Dingen. Und wartet, dass Gott vorüberzieht, damit er ihm hinterhersehen kann.

(Ausschau halten – Danke, Jonathan Overlach!)

Doch reicht das? Nur hinterher sehen? Nur auf Spiegelbilder schauen, klitzeklein und ein bisschen verzerrt, oder auf die Rückseite der Herrlichkeit, dort, wo das Leiden ist?
Ich möchte mehr sehen.

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Ich möchte einen Sonnenaufgang in den schillerndsten Farben sehen. Ich möchte die Milchstraße am Himmel sehen. Ich möchte die Bäume im Frühjahr wieder ausschlagen sehen.
Ich möchte manchmal im Nebel überhaupt etwas sehen.
Ich möchte sehen, was die Welt im Innersten zusammen hält.

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Ich möchte sehen, wie fröhliche Menschen auf einer Bank im Park sitzen. Ich möchte spannende Filme im Kino sehen. Ich möchte in diesem Jahr Dinge sehen, die ich noch nie gesehen habe. Ich möchte sehen, wie Freunde und Freundinnen miteinander feiern.

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Ich möchte lachende Kinder an Taufbecken sehen. Ich möchte sehen, wie in den Nachrichten von Frieden in Syrien berichtet wird. Ich möchte sehen, wie ein Neonazi seine Gesinnung ändert. Ich möchte sehen, dass jeder Mensch auf der Erde genug zum Leben bekommt.

Ich brauche keinen Schutzraum, sondern eine Aussichtsplattform. Feuerschein und Wolke als Orientierung. Und deine Herrlichkeit, Gott!

Lass mich dich anschauen, damit ich weiß, woran ich bin.

In deinen Augen sehe ich, ob wahr ist, was du sagst.
In deinen Augen erkenne ich, ob ich dir vertrauen kann.
In deinen Augen lese ich, ob du mich wirklich liebst.

(Vertraut den neuen Wegen – Danke, Birgit Mattausch!)

Zu gefährlich, sagt Gott.
Kein Mensch wird leben, der mich sieht.

Aber er sagt auch: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen. Und denke an meinen Namen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Wir müssen hinaus aus dem sicheren Lager. Hinaus aus den Kirchen. Gemeindehäusern. Den Büros. Weg von den Schreibtischen. Den Strukturpapieren und Selbstverständlichkeiten.Hinaus aus den scheinbaren Gewissheiten. Hinaus in Schnee und Wind und auch in die Sonne, dort, wo kein Schatten ist.

Hinaus mit uns! Ins Fremde und Wilde. Ungewisse. Dorthin, wo wir verloren sind und gefunden werden. Wo wir nichts wissen und alles.

Die sicheren Zeiten sind vorbei. Die einfachen Antworten tragen nicht. Das Leben und Menschen schlagen uns Wunden. Aber Gott ist uns gnädig. Und bleibt, wenn alles vergeht.

Der Fels draußen beim Sinai ist Gottesland. Dort sehen wir Gottes Herrlichkeit hinterher. Sehen sie in den Augen derer, die wir lieben, die Er liebt. Sehen seine Wahrheit und wissen auf einmal, wie er es meint mit uns.

Und bitten ihn: Halt die Hand über uns, wenn du vorübergehst. Wenn wir da stehen in den Felsspalten. Wenn unser Herz schnell klopft vor lauter Leben, wenn wir aufbrechen in die Freiheit, in die du uns führen willst, Ewiger Gott, uns und deine ganze Kirche.

Gott lässt sich nicht sehen. Nur seine Güte. Das ist die Seite von Gott, mit der wir umgehen können, die wir vertragen. Die Rückseite – voller Glanz und Spiegelungen.

Das Licht der ersten Sonnenstrahlen. Das Funkeln der Sterne in der Nacht. Menschen, die miteinander lachen und sich weinend umarmen, um einander zu trösten. Spielende Kinder und Menschen, die Friedensworte sagen in Krisensituationen.

Nicht Gott sehen wir. Nur seine Herrlichkeit. Seine Güte. Die aber wohl. Wir sehen Gottes Wirkung. In uns. Um uns. Über uns. Freundliche Worte auf einer Postkarte. Fliegende Herzen auf dem Display meines iPhones. Ein unerwartetes Geschenk. Eine gelungene Sitzung ohne Streit und mit einem guten Ergebnis. Durchschlafen nach einem anstrengenden Tag.

Seine Herrlichkeit, voll der Gnaden. Und sein Wort, das mich wissen läßt, woran ich bin: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen meinen Namen vor dir.

Amen.

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