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Mitmach-Predigt zur Jahreslosung 2017
jl-2017-anne

Gott spricht:
Ich schenke euch ein neues Herz
und lege einen neuen Geist in euch.

(Ez 36, 26)

Die Rechte am verwendeten Bild liegen bei Anne Fischer. Wer Anregungen aus dieser Predigt übernehmen und dabei ihre Umsetzung verwenden möchte, wird freundlich gebeten, ihr Einverständnis dazu einzuholen. www.atelierannefischer.de

(In memoriam Stefan Henze)

Ivonette Balthazar hat ein neues Herz.

Im letzten Sommer wurde es ihr geschenkt. Und machte es möglich, dass sie Weihnachten feiern konnte mit der ganzen Familie. Und mit vielen freundlichen Gedanken an den, dem sie dieses Herz verdankt.

Stefan Henze war Sportler. Kanutrainer. Unterwegs zu den Olympischen Wettkämpfen, als das Taxi in den Straßen Rios verunglückt. Seine Kopfverletzungen zu schwer, um ihm noch helfen zu können. In seiner Brieftasche ein Organspenderausweis. In seinem Körper gesundes Gewebe, das andere retten kann.

Am 15. August 2016 hört sein Herz auf, für ihn zu schlagen. Ein paar Stunden später kann man es in Ivonettes Brust pochen hören. Ein neues Herz. Ein neues, gesünderes Leben. Viele Einsichten. Veränderte Einstellung. Zweite Chance. Alles neu.

Nicht ganz. Ivonette Balthazar hat ein neues Herz. Aber kein neues Leben. Das wollte sie vermutlich gar nicht. Weiterleben wollte sie. In ihrer Welt, mit ihrer Familie. Wollte die Enkelkinder aufwachsen sehen. Bei den Kindern bleiben, die ungefähr so alt sind wie Stefan Henze. Nicht mehr schwach im Bett liegen müssen. Mitmachen können. Den Pulsschlag der Stadt spüren. Den Rhythmus von Samba und Tango.
Sich nicht mehr fernhalten müssen von allem, was aufregt und was ihr altes, schwaches Herz nicht mehr vertrug.

Und das fremde Herz, das nun in ihr schlägt? Neu war es auch nicht mehr, als sie es bekam. Es hat schon ein ganzes Leben lang geschlagen. Hatte Schrecksekunden überstanden und sich wieder beruhigt. War auf Leistung trainiert. Hatte schon bis zum Hals geklopft vor Aufregung oder Verliebtheit. War bereits verschenkt worden. Hatte für andere Menschen geschlagen, für den Sport, für große Ziele. Hatte sich anrühren lassen. War da und dort schon weich geworden oder gar schwach.

Leben geht zu Herzen. Und wer kein Herz hat, der lebt auch nicht wirklich.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.


(Frische Laken)

Ein neues Jahr. Endlich.

Wir haben ihm die Wohnung fein gemacht. Noch einmal durchgewischt. Die Betten frisch bezogen. Kontoauszüge abgeheftet, letzte Rechnungen bezahlt. Das Auto durch die Waschstraße gefahren. Die alte Zahnpastatube noch einmal richtig leergequetscht – die neue lag bereit, fürs neue Jahr.
All die kleinen Rituale, der Alltags-Aberglaube. Mach alles neu – und alles wird gut.

Den alten vollgekritzelten Wandkalender in der Küche ersetzen können durch einen neuen großen Bogen mit vielen freien Feldern. Keine schlechten Erinnerungen, nichts mehr zu sehen von den Dingen, die uns die letzten Monate beschäftigten.
1000 Möglichkeiten.

Aber nein: Der Stift in meiner Hand weiß schon von Terminen. Will Dinge zu Ende bringen, die schon vor Wochen angefangen haben. Muss sich an Verabredungen halten. Der Urlaub ist mit den Kollegen abgesprochen. Der Termin zur Kontrolluntersuchung lange schon vereinbart. Die Konfirmation festgesetzt, die Visitation angekündigt. Ein neues Jahr – und alles beim Alten. Same procedure as every year…

Pulsschlag des Lebens. Vertrauter Rhythmus. Das Neue kommt, aber vieles bleibt beim Alten. Unsere Erfahrungen nehmen wir mit, unser altes Herz und unseren kleinen Geist, der sich erinnert an das, was war – und schon ahnt, wie das wird, was kommt. Mein altes Leben, Gott sei Dank! Und das Herz schlägt ein bisschen schneller in Vorfreude wie in Sorge, vor Aufregung und vor Glück.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.


(Reset)

Wie das wohl wäre – ein neues Herz? Eines, das alles zum ersten Mal erlebt? Das noch nie ins Stolpern kam, noch nie unter Hochdruck war, noch nie erschöpft?

Und ein neuer Geist – der sich nicht daran erinnern kann, wie das war beim ersten Liebeskummer, beim ersten Scheitern, beim ersten Schuldigwerden?
Der im besten Sinne naiv und unschuldig auf die Dinge schaut – arglos und ohne Furcht? Der noch nichts gelernt hat aus der Vergangenheit, weil er keine hat?
Der unbekümmert immer wieder von vorne anfängt, weil er den Dingen vertraut und den Menschen erst recht?
Der sich nicht verstellt, seinen Rhythmus durchzieht, seiner Sehnsucht folgt?

Ein Herz, das seinem eigenen Puls folgt, dem Takt des eigenen Lebens – nicht angepasst, nicht heruntergedrosselt oder ständig an die Belastungsgrenze getrieben, je nachdem, was die anderen von mir fordern oder eben nicht? Samba oder Tango, Walzer oder Hiphop – egal. Es wäre das eigene Lied, die eigene Melodie, der Puls des eigenen Herzens. Neu. Unverfälscht. Furchtlos und frei.
Niemandem etwas schuldig. Nur Gott, von dem alles kommt. Dem mein Leben zu Herzen geht. Der seinen Geist dazu gibt.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.


(Lose und Losung)

Das ist also das Wort für dieses Jahr. Klingt gut, nicht wahr?!?

Wenn ich da an 2016 denke… im Nachhinein war die Jahreslosung wie ein böses Omen. So viel Trost brauchten wir. So viel Zerstörung haben wir gesehen. Als hätte das Wort das Jahr schon vorweggenommen.

Wie viel ermutigender sind da die Aussichten auf ein neues Herz und einen neuen Geist. Wenn das nun ein Orakel sein könnte, etwa für die Bundestagswahlen – dann wäre mir gleich viel weniger bang. Denn Gottes Geist kann ja nur Gutes wollen. Kein böser Zeitgeist, keine neue Herzlosigkeit. Auch kein Geist der Verzagtheit und keine Enge ums Herz. Sondern Kraft und Liebe und Besonnenheit – und Mut und Hoffnung und Glaube.

Da wünsche ich mir mehr von diesen Worten, die mir eine gute Zukunft versprechen. Und am Ausgang liegen ja dann noch welche. „Bibellose“ nennt man sie. Und die sie gestalten, die vertrauen darauf, dass in diesen Loskörbchen dann keine Nieten sein werden. Dass Gottes Wort nie leer zurückkommt, sondern etwas bewirkt. Immer. Wir haben es nicht in der Hand. Wir müssen nur dafür sorgen, dass das Wort unter die Leute kommt.

Also nehmenIMG_0048.JPG Sie sich ein Los. Ziehen Sie Ihr Motto. Greifen Sie blind hinein – oder suchen Sie ein bisschen. Schauen Sie, was Ihnen gefällt. Es wird schon passen. So Gott will.

Und wenn nicht?!? Tauschen wir das Wort dann um? Gott, es gefällt mir nicht, was du mir sagst? Oder – ich verstehe nicht, was du meinst? Oder – ich will nicht, was du erwartest?

Ich bin immer schon ein bisschen skeptisch gewesen gegenüber diesen Losungen. Natürlich lese ich sie. Jeden Morgen. Mache mir meine Gedanken und bin froh, dass sie mir Bibelworte zeigen, die nicht zu meinen Lieblingsstellen gehören. Das holt mich aus der geistlichen Komfortzone und zwingt mich zum Nachdenken über Dinge, die mir doch eigentlich ganz klar schienen. Gern lass ich mich ermutigen. Manchmal bin ich dankbar für tröstliche Gedanken.

Aber ich möchte die Losungen nicht missverstehen. Sie sind kein Orakel. Sie sagen so wenig über den kommenden Tag oder das nächste Jahr wie der Kaffeesatz am Boden der Espressotasse oder die Anordnung der Karten, die aus der Schachtel gefallen sind. Sie wollen mich begleiten – aber nicht wie ein Zauberspruch, sondern wie eine Denksportaufgabe. Ich muss mich damit beschäftigen. Sonst verstehe ich sie nicht.

Wir feiern in diesem Jahr 500 Jahre Reformation. Der Umgang mit der Bibel – die Verantwortung, die jede und jeder von uns dafür hat, wie Gottes Wort uns erreicht – das ist eines der Hauptanliegen von Martin Luther gewesen. Ich weiß nicht, was er zu unseren Losungen und Losen gesagt hätte. Ich ahne aber, dass er ein wenig Misstrauen gehabt hätte. Die ganze Schrift zählt, nicht nur die Lieblingsstelle. Die ganze Wahrheit für das ganze Leben. Nur dann können Geist und Herz neu werden, wie Gott es verspricht.

Wie das geht, wenn jemand sich intensiv mit einem Wort auseinandersetzt, dafür haben Sie ein Beispiel in der Hand. Es ist die Umsetzung der Jahreslosung durch Anne Fischer, der Künstlerin, die auch unsere Osterkerze geschaffen hat. Sie ist lange mit dem Spruch umgegangen, hat versucht, zu verstehen, was hinter den Bildern steckt und ist dann in der biblischen Tradition fündig geworden. Sie hat sich nicht dazu verleiten lassen, ein großes, rotes Herz ins Zentrum zu stellen, obwohl das doch der Begriff ist, auf den die meisten sofort „anspringen“ würden. Sie hat nach dem gefragt, was Herzen alt und schwer macht. Und wo ein neuer Geist Veränderung bringt. Auf ihrer Homepage schreibt sie: Gott kann gut etwas anfangen mit verlorenem Leben, zerbrochenen Beziehungen, müden Gemeinden und ausgebrannten Herzen. Gott erneuert.

Sie erinnert daran, wie: Regenbogen und Taube aus der Sintfluterzählung, Brot und Wein als Zeichen der Tischgemeinschaft mit Gott. Der Ölzweig als Symbol des Friedens. Pfingstliches Kleid und Arbeitsgewänder. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht…. (Gen 8, 22)


(„Ich schenk dir ein Wort“)

Noch so ein Wort. Die Bibel hält viele davon bereit. Wir kennen nur die, die wir mal gehört und gelernt haben. Da ist viel Zufall im Spiel. Und auch wenn „Zufall“ einer der Künstlernamen des Heiligen Geistes ist – es tut uns doch gut, wenn wir uns immer wieder mal auf Entdeckungsreise in der Bibel machen. Selber suchen. Uns leiten lassen….

Wir haben Ihnen Bibeln in Reichweite gelegt. Und Sie sollen nun ein paar Minuten Zeit haben, ein Wort für sich zu entdecken. Vielleicht möchten Sie etwas nachschlagen, das Ihnen eingefallen ist. Vielleicht sind Sie einfach neugierig. Oder „orakeln“ ein bisschen, indem Sie mit geschlossenen Augen das Buch aufschlagen und dann auf eine Stelle tippen.

Ganz egal. Es geht darum, ein Wort zu finden, das Sie heute morgen anspricht. Und wenn Sie es gefunden haben, dann notieren Sie sich die Stelle auf Ihrem Zettel…

– Aktion mit Musik –
Wenn die Musik endet: Wörter vorlesen lassen, laut und durcheinander….

Neue Worte. Heute entdeckt oder wiedergefunden.
Worte fürs Jahr. Worte für uns.
Mit-Geteilt. Und weitergegeben.

Denn es gibt noch eine kleine Aufgabe:

Suchen Sie sich jemanden aus. Trauen Sie sich und gehen Sie nachher zu diesem Menschen und schenken ihm oder ihr „Ihr“ Wort. Herr Böhm wird ein extra langes Choralvorspiel machen, damit Sie Zeit dafür haben, wenn Sie noch etwas dazu sagen möchten. Und dann singen wir.

Für 2017 begleite uns Gottes Wort auf seine Weise. Es gebe unserem Lebenslied Takt und Rhythmus, Töne und Klang. Wir beten:

Gib uns den Wunsch, dein Wort zu suchen.
Gib uns das Licht, dein Wort zu finden.
Gib uns den Geist, dein Wort zu glauben.
Gib uns den Mut, dein Wort zu leben.
Amen.

Zu Beginn des Gottesdienstes wurde ein Zettel mit der Jahreslosung, der Umsetzung von Anne Fischer und viel Platz für eigene Gedanken verteilt. Das kleine Gebet stammt aus dem Evangelischen Erwachsenenkatechismus, S. 1275 – weitere Angaben zur Quelle habe ich nicht.

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