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Lange Nacht der Museen – Böblingen, 12.11.2016
Stadtkirche St. Dionysius

Kunst-und-Klang-Performance
Linde Wallner – „Leuchten“
Eckhart Böhm – Orgel
Gerlinde Feine – Lesung

In Memoriam Leonard Cohen

wallner-gross

MUSIK

(Engelsflügel Kanzelseite beim Kreuz und Totenbuch)

Nun also auch Leonard Cohen.

Nach David Bowie, Prince, Alan Rickman und all den anderen wieder ein ganz Großer, der in diesem Jahr gestorben ist. Ein „Singer/Songwriter“. Einer, der in Bildern sprechen und singen konnte, die auf der ganzen Welt verstanden wurden. Ähnlich wie Bob Dylan, dem er vor ein paar Wochen zum Literaturnobelpreis mit der Bemerkung gratulierte, das sei, als ob man dem Mount Everest einen Preis dafür zuerkennt, der höchste Berg der Welt zu sein.

Manche dachten damals, dass Cohen selbst den Preis mindestens ebenso verdient gehabt hätte. Er hatte ja schon geschrieben, lange bevor er mit dem Singen anfing, und er kokettierte ja auch damit, dass er nur wenige Akkorde spielen könne und seine schlanke Baritonstimme mit dem warmen Timbre jedes Jahr einen Ton tiefer rutsche.

Er sei überhaupt nur Musiker geworden, weil es bei den Frauen so gut ankomme. Und tatsächlich erzählen die bekanntesten Songs immer auch von den Lieben seines Lebens – Suzanne, So long, Marianne, Bird on a Wire, Chelsea Hotel #2, I’m your Man und natürlich Hallelujah

Das Gotteslob als Blues. Mezzopiano und in Moll. Der Ruf der himmlischen Heerscharen, ihr unerhörter Klang, von Goethe im „Faust“ in Hexametern umschrieben und mit großem Pathos erfasst – bei Cohen geläutert durch das Feuer der Gottesfurcht und die Scheu des Zweifels.

Fast wie der Engelsflügel, den Linde Wallner uns hier unter das Kreuz gestellt hat. Kraftvolle Glut. Rot und geheimnisvoll. Doch halb nur. Unterbrochen. Ausgefranst. Dieser Engel ist schon einmal in der Hölle gewesen. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Das hat Spuren hinterlassen. Kraft gekostet.

Und doch geläutert. So, wie der Ton im Ofen fest wurde und die Farben dort erst ihren Glanz erhielten. Kein Jubellied. Aber ein Song of Hope….

MUSIK

(Turm unter der Empore)

Linde Wallner hat uns einen Turm in die Kirche gestellt. Dunkel und trutzig. Kantig und hart. Wie die Geschlechtertürme in Alba, der Stadt der 100 Türme im Herzen des Piemont, unserer Partnerstadt. Dort haben wir nun Freunde, die diese Nacht mit uns feiern. Doch als die Türme gebaut wurden, ragten sie fast abweisend empor, Fenster wie Schießscharten, Zeichen der Macht.

Durch die Ritzen im Mauerwerk scheint Licht. Im Inneren wohnten die Frauen, von den Männern gleichermaßen beschützt wie begehrt.

Was lodert da noch? Was ist dort eingesperrt? Muss ich mich davor fürchten?

Das Hallelujah sei ein guter Song, sagte Leonard Cohen vor ein paar Jahren, aber es täte ihm gut, wenn man es mal einige Zeit nicht aufführen würde. Zu viele Versionen, einige davon reichlich kitschig, die Aufnahme in die Liste der 50 Greatest Hits of all Times…Da seufzen viele: „ich kann es nicht mehr hören, Hallelujah“. Und kritisieren den Inhalt, die verbotene Liebe zwischen David und Batseba, die auf einem Turm begann – und der Liebesverrat von Delilah an Samson, der sich immer und immer wiederholt bis heute.

Your faith was strong but you needed proof
You saw her bathing on the roof
Her beauty and the moonlight overthrew her…

There’s a blaze of light in every word
It doesnt matter which you heard
The holy or the broken Hallelujah
(Dein Glaube war stark, doch du brauchtest die Prüfung.
Du sahst sie, wie sie auf dem Dach badete.
Ihre Schönheit und das Mondlicht waren überwältigend…

In jedem Wort ist ein Lichterglanz
Da spielt es keine Rolle, welches du hörst –
das heilige oder das gebrochene Halleluja)

Manchen ist das zu viel Erotik. Auch wenn sie biblisch ist. Doch Liebe ist stark wie der Tod. Stark wie ein Turm. Zerbrechlich wie Mauern, hinter denen ein Feuer glüht.

MUSIK (am Ende nur leiser werden, aber nicht aufhören in der folgenden Sequenz)

(Schalen vor dem Altar)

Die meisten Lieder von Leonard Cohen stecken voller biblischer Anspielungen. Kein Wunder. Er ist in einer frommen, jüdisch-orthodoxen Familie aufgewachsen. Sein Familienname – (ha)Cohen – weist ihn als einen direkten Nachfahren Aarons aus. Moses Bruder. Der erste Priester Israels, und jeder seiner Nachkommen ist auch ein Cohen, ein Priester des Ewigen, „Baruch haSchem“, Gelobt sei sein Name.

In jedem lodert die Glut des Anfangs, der Feuersäule, in der Gott seinem Volk voranzog in das Land, in dem Milch und Honig fließt und Liebe und Glück warten. Die Nachkommen Aarons, sie sollen nicht die Asche bewahren, sondern das Feuer weitertragen, damit es wärmt und Orientierung gibt wie die Schalen, die Linde Wallner nutzt, um den Weg zum Altar auszuleuchten. Dort, wo das Opfer gebracht wird, das Frieden stiftet und Menschen mit ihrem Gott versöhnt.

Cohen hat nie aufgehört, dieses Erbe zu pflegen, auch nicht in den Sturm- und Drangjahren mit Rastlosigkeit und Krisen, Alkohol und Tabletten. Auch nicht, als er sich um die Jahrtausendwende in ein Zen-Kloster zurückzieht. Der Buddhismus verehre ja keine Gottheit, sagte er, da könne der Ewige, baruch haschem, auch nicht beleidigt sein.

Als er nach einem guten Jahrzehnt in ein bürgerliches Leben zurückkehrt, sieht man ihn kaum noch barhäuptig. Als frommer Jude hält er auch auf der Bühne sein Haupt bedeckt und nimmt den Hut nur ab, um dem Göttlichen die Ehre zu erweisen, wo immer er es auch wahrnimmt.

 MUSIK

 (Lichtsegel im Chor)

Im Juli dieses Jahres erhält Cohen eine E-Mail von einem engem Freund seiner einstigen Muse Marianne Ihlen. Sie sei krank, sie leide an Krebs und hätte nur noch wenige Tage zu leben. Cohen schreibt ihr sofort zurück:

Well, Marianne – jetzt sind wir so alt geworden, dass unsere Leiber auseinanderfallen, und ich denke, ich werde dir schon sehr bald folgen. Du musst wissen: Ich bin so eng hinter dir, dass – wenn du deine Hand ausstrecken würdest – ich denke, du würdest meine erreichen. Und du weißt ja, dass ich dich immer geliebt habe, wegen deiner Schönheit und deiner Weisheit, aber ich muss das gar nicht sagen; du weißt es sowieso. Jetzt will ich dir eine sehr gute Reise wünschen. Goodbye old friend. Endless love – wir sehen uns am Ende der Straße!

Zwei Tage später ist Marianne Ihlen tot. Sie soll ihre Hand ausgestreckt haben, als Freunde ihr Cohens Zeilen vorgelesen haben. Ein letzter Gruß, ein letztes „So Long“ – Angehörige schreiben Cohen noch einen Brief zurück: „Ihr Segen für die Reise gab ihr zusätzliche Stärke.“

Er selbst ist längst bereit. Stellt im Oktober sein letztes Album vor. Entgegnet den Gerüchten, die er damit ungewollt anfacht, mit der scherzhaften Bemerkung, er gedenke, ewig zu leben. Doch dabei meint er wohl schon das Ewige Leben, sieht Licht am Ende des Raums, ein Leuchten, das nach oben zeigt…

MUSIK

 (Engelsflügel Taufsteinseite bei der Osterkerze)

„You want it darker“ – du willst, dass es dunkler wird – ist der Titelsong und auch der Schlüssel zu Cohens letztem Album.

Das Lied, das den Namen gab: Ein Dialog mit Gott.
Der Refrain: Eine uralte Glaubensformel.

„Hineni“. Hier bin ich.
Mit diesen Worten stellten sich die Propheten des Alten Bundes hin vor Gott.

„Hineni“. Hier bin ich. Sende mich. Rufe mich. Rede mit mir. Ich höre auf dich, mein Gott. Ich bin bereit.

Gehorsamsgeste. Demutswort. Vertrauenssache.

„Hineni – I am ready, my Lord“

Jesus hat das gesagt am Abend seiner Verhaftung. Bat um mehr Leben und beugte sich doch dem Tod. Ließ sich den Kuss des Verräters gefallen: Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine.

Engelsflügel, die schon in der Hölle gewesen sind. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Aufgefahren in den Himmel.

Gezeichnet, verletzt, aber nicht zerstört.
Fester geworden.

Liebe ist kein Triumphmarsch.
Love ist a cold and broken Hallelujah.

Liebe ist stark wie der Tod.

MUSIK

 Nachtsegen (Huub Oosterhuis)

Haltet einander fest.
Löscht den Geist nicht aus.
Macht einander nicht klein.

Denk nach. Tu Gutes.
Hab lieb.

Gespenster gibt es nicht.
Fürchte dich nicht.
Freunde aber gibt es.
Ich bin bei dir, sagt er,
ich bin bei dir
mit meinem Geist.

So segne euch der Ewige Gott. Amen.

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