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Predigt zu 1. Kor 1, 18-25im Gottesdienst am 5. Sonntag nach Trinitatis – 26.06.2016 in der Stadtkirche Böblingen. Für die Frauen und Männer des Jahrgangs 1936 war der Gottesdienst zugleich Auftakt ihrer 80er-Feier.

 

Der stärkste Mann der Welt

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Da steht er: Der stärkste Mann der Welt!
Was für ein Anblick: Ein riesengroßer Kerl. Ein richtiger Brocken. Wie der ganz lässig seine Muskeln spielen läßt! Furchteinflößend.
Der Zirkusdirektor wedelt mit Geldscheinen: „Hundert Kronen für den, der den starken Adolf besiegt…! Hundert Kronen, überlegen sie sich das, meine Damen und Herren!“

So lockt der Zirkusdirektor die Leute zur Manege. Ob sich wirklich einer traut – ?!? So dumm wird niemand sein von den untrainierten Hänflingen ringsum… Das ist doch klar, dass man sich mit so einem nicht anlegt. Nicht, wenn man nicht lebensmüde ist. Oder sich selbst nicht richtig einschätzen kann. Der Zirkusdirektor lächelt zufrieden. Die Attraktion wirkt: Sie lockt die Leute an, und das allein zählt: Wo der stärkste Mann der Welt ist, da sind auch die anderen Kunststücke nicht ohne! Da lassen sich die Leute auch mit weniger führen und lenken und blenden und ausnehmen. Alte Zirkusweisheit.

Funktioniert bis heute. Da muss sich nur so ein „starker Adolf“ vorne hinstellen – oder ein starker Donald, Nigel oder Boris oder Wladimir – und schon schauen die Leute nicht mehr genau hin. Lassen sich beeindrucken von simplen Parolen und Milchmädchenrechnungen. Lassen sich vom Clown ein X für ein U weismachen und vom Magier die Geldbörse aus der Tasche ziehen, während sie noch versuchen, sich das Blatt zu merken, mit dem er vor ihrer Nase wedelt. Der starke Adolf muss da gar nichts weiter tun. Nur dastehen und beeindrucken, bis die Show vorbei ist.

Und am nächsten Morgen, wenn der Zirkus weitergezogen ist, da merken sie dann den Betrug. Da kommt der Katzenjammer, und im günstigsten Fall kann man dann zum Anwalt gehen oder zur Versicherung und – wie seit Freitag über 3 Millionen britischer Wähler! – eine Petition starten, um eine Volksabstimmung zu wiederholen. Und im schlimmsten Fall sitzt man in den Trümmern einer einst gesicherten Existenz und hat neben dem Schaden auch noch die Scham, für dumm verkauft worden zu sein von Weisen und Klugen, die längst verschwunden sind und nun sehen müssen, dass der starke Adolf sie nicht auch noch frisst.

Wie gesagt: Alte Zirkusweisheit. Und so ist der Direktor auch gar nicht in Sorge um seine 100 Kronen, mit denen er einen Herausforderer für seinen starken Adolf sucht. Doch da meldet sich plötzlich im Publikum ein kleines Mädchen. Ihre Nase sieht aus wie eine kleine Kartoffel und ihr Gesicht ist voller Sommersprossen, und die roten Haare stehen in zwei frechen Zöpfen vom Kopf ab.

Vor allem aber lacht sie mit strahlenden Augen und großem Mund. „Na?“ fragt sie den starken Adolf. „Wollen wir beide Mal ringen – du und ich?“ Und ehe sich der starke Adolf versieht, liegt er am Boden. „Heija Pippi!“, rufen Thomas und Annika vom Rand aus (ganz klar, es ist Midsommar, und wir sind in Schweden und bei Pippi Langstrumpf zuhause). Und alle jubeln mit.

Das kann der starke Adolf nicht auf sich sitzen lassen. Mit Gebrüll geht er noch einmal auf Pippi los, doch die hebt ihn mit einem fröhlichen Liedchen in die Luft. Das stärkste Mädchen der Welt trägt den stärksten Mann der Welt mit ausgestrecktem Arm in der Manege herum.

Und als der zerknirschte Zirkusdirektor Pippi das Geld geben will, lacht die nur und sagt: „Was soll ich mit dem Papierlappen? Du kannst ihn behalten und Heringe darin einwickeln, wenn du das willst…“ Schließlich weiß doch jeder, dass das stärkste Mädchen der Welt auch das reichste ist, es hat ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd und einem großen Koffer von ihrem Vater, dem Seeräuberkönig. Und dann singt sie: (summen!) „Hey – Pippi Langstrumpf, trallari trallahey tralla hoppsasa. Hey – Pippi Langstrumpf, die macht, was ihr gefällt…“

Seit über 70 Jahren lachen nun schon Kinder und Erwachsene über dieses Mädchen, das sich nicht einschüchtern lässt und alles in Frage stellt und sich nicht fürchtet vor denen, die Macht haben und Macht zeigen im Kleinen wie im Großen. Die werden alle entzaubert. Sogar der unbesiegte Adolf wird lachend entmachtet. Und das Beste daran: Pippi geht es nicht darum, seinen Platz einzunehmen. Sie will das Geld des Zirkusdirektors nicht und auch nicht die Macht über die Leute.

Sie will ihre Freiheit. Und Lachen. Und keine Angst haben müssen.

 

Die Luft ist rein

Ich bin mit Pippi Langstrumpf aufgewachsen. Der starke Adolf – für mich nur eine der vielen Figuren aus ihrem kleinen Kosmos. Doch als Astrid Lindgren diese Geschichte 1944 in Schweden veröffentliche, da hörten die vorlesenden Eltern hinter dem Namen des starken Adolfs einen ganz anderen Namen mit. Einen, der ihnen Furcht machte, bald schon 12 Jahre lang, und vor dessen Macht und dessen Helfershelfern sie Angst hatten. Doch auch der wird entmachtet. Auch über den macht Astrid Lindgren sich mit Pippi Langstrumpf lustig, zeigt, dass man sich nicht nur vor ihm fürchten sollte, sondern mehr noch vor dem, was er auslöst – und dass es doch möglich ist, ihn zu besiegen.

Pippis Botschaft war: Das Große wird klein und das Kleine wird groß. Das, was machtlos ist, wird stark und was Macht hat, wird kraftlos.

Manche hielten damals bei dieser Geschichte den Atem an. Und andere hielten es für Quatsch. Für eine Dummheit – für eine kindliche Weisheit. Und fürchteten sich doch vor der Kraft, die diese „Dummheit“ in sich trug. Erst als der starke Adolf tatsächlich entmachtet wurde, konnte man dies Kinderbuch dann in Deutschland veröffentlichten.

Gerade noch rechtzeitig – hoffentlich – für die Generation der in den 30er Jahren Geborenen. Die hatten ja im Schatten des starken Adolf das genaue Gegenteil lernen sollen von dem, was die schlaue Pippi weiß. „… und werden nicht mehr frei ihr Leben lang…“ – das war das Ziel der nationalsozialistischen Erziehung, das fing schon in der Kinderkrippe an, ging über Schule und Jungvolk, war vorgezeichnet über HJ und BDM und sollte weiterführen bis in klar definierte Rollen als Heldenmütter und Herrschaftsmenschen. Kein Platz für die Schwachen. Ausgemustert. Kein Raum für die, die anders aussahen, dachten, sprachen, liebten. Verfolgt und vernichtet. Bis alles in Trümmern lag. Auch die Kirche.

Doch dann war alles anders. Gerade noch rechtzeitig. Die Tore zum Bunker öffneten sich – und das Licht kam zum Vorschein. Die „Klugen“ waren weg. Die Weisen. Die Starken. Die, vor denen man Angst haben musste, die, die einem die Existenz nehmen konnten. Und die Kinder konnten raus. Konnten lernen und spielen, toben und feiern.

Die, die heute 80 sind, können davon erzählen. Vom „Luftbad“ im Wald, dort, wo heute das Waldheim ist, vom Festplatz unten, wo nachher in der Kongresshalle das Buffet aufgebaut sein wird, vom Eier rugeln am Hexenbuckel zu Ostern und vom Milchholen in der Dinkelackerei. Als es die Zuckerfabrik noch gab. Und Kuhställe mitten in der Stadt.

Später dann Tanzstunde und Jobsuche. Nach der Konfirmation, die noch in der Festen Burg stattfand. Aber immerhin: Eingesegnet. Sich eingelassen auf den, der schwach und ohnmächtig am Kreuz hing, um den Starken der Welt ihre Grenzen zu zeigen. Gemeinschaft suchen mit denen, die nicht selbstverständlich dazugehörten – die als Geflohene kamen. Nicht evangelisch. Nicht schwäbisch. Nicht von vorneherein stark und groß. Aber gerettet. Und bereit für Neues. Für andere Weisheit. Und Kraft, die in den Schwachen mächtig wird.

 

Selber Groß

 Denn: Die Klugen waren ja weg. Die Weisen, die Besserwisser, die, die so klare Antworten hatten und wussten, was richtig oder falsch. Und der starke Adolf auch.

Stattdessen: Selbst klug sein. Selbst Wege finden, Antworten geben, auch den eigenen Kindern – und inzwischen schon den Enkeln. Zu denen, die jetzt 80 Jahre alt sind, gehören viele, die unsere Gesellschaft mitgestaltet haben. Politiker, Künstler, Schriftstellerinnen. Die „Wikipedia“ zählt sie auf. Den Musiker Ray Orbison, der „Pretty Woman“ gesungen hat, und den Schauspieler Hector Elizondo, der in dem gleichnamigen Film die weisesten Worte sprechen darf. Lange nicht so viele Frauen wie Männer, aber doch wenigstens Ursula Andress und Elisabeth Volkmann, schön, stark, selbstbewusst. Der Dirigent Zubin Mehta. Kritische Denker wie der Kabarettist und Schauspieler Peter Sodann und Ulrich Kienzle, der Fernsehmoderator. Auch solche, die auf ihre Fragen radikale Antworten fanden. Als die Achtundsechziger nach der Schuld der Eltern fragten, danach, wie es kommen konnte, solche Weisheiten zuzulassen – da waren die heute 80jährigen in ihren Dreißigern, also mitten dabei. Gründeten Familien, bauten Firmen auf, wirkten mit am Aufschwung und Wohlstand. Auch Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden gehört dazu – Kardinal Lehmann hat seinen 80. schon gefeiert, und im November wird der Argentinier Jorge Bergoglio 80 Jahre alt, der als Papst Franziskus ganz neue und ungewöhnliche Dinge tut, so dass man im Vatikan schon vermutet, er sei als Kind mit Pippi Langstrumpf zusammen im Zirkus gewesen.

Es bleibt die Frage, was nun gilt. Wer stark ist und wer Macht hat. Und wie man erreicht, dass eine Welt so ist, wie wir sie uns wünschen. Frei und tolerant. Mit Platz für alle. In Frieden.

Da liegt die Verantwortung derer, die jetzt mit der Erfahrung eines langen Lebens in die Zukunft schauen. Dass sie weitergeben, was sie gelernt haben. Dass sie warnen vor dem, was sie gesehen haben. Dass sie bezeugen, was wir glauben:

Dass Gott uns nicht mit Drohen und Angst bei der Stange halten will. Kein starker Adolf, der nur dastehen und ein bisschen mit seinen Muskeln spielen muss, während in seinem Schatten die Leute übers Ohr gehauen und ausgetrickst und unfrei gehalten werden. Sondern ein Gott, der das Spiel liebt und das Lachen, der sich die Welt macht, wie sie ihm gefällt, bei dem die unsinnigsten Rechnungen aufgehen und alle haben, was sie brauchen. Menschen und Tiere, die ganze Schöpfung.

Eine Welt, die gastfreundlich ist, weil nicht das Recht des Starken gilt und kein Eintritt verlangt wird. Eine Welt, in der Gott selbst sagt, „Na?! – Wie wärs mit uns?!? Kannst du es mit mir aufnehmen, willst du mit mir spielen? Komm nur, ich habe eine Schwäche für dich!“

Gut, dass wir solche Geschichten heute hier in diesem Land erzählen dürfen. Dass wir an ihnen lernen, was Freiheit ist – und Gnade. Dass wir von ihnen zum Lachen gebracht werden. Und zum Vertrauen.

Denn Gott ist stärker als die Menschen. So stark, dass er sich Schwäche leisten kann. Und schwach wird bei seinen Menschen. Das macht unbesiegbar.

Così sia – so sei es. Amen.

 Nach der Predigt: Orgelimprovisation über EG 395 (Vertraut den neuen Wegen) und „Pippi Langstrumpfs Lied“

(An die Geschichte von Pippi und dem starken Adolf wurde ich durch Torsten Milkowski erinnert. Die Idee dazu stammt von Margrit Wegner: http://www.domzuluebeck.de/files/predigten/20150705%20Predigt.pdf)

 

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