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KRZBB-NotizKonzertGD
Es war ein Experiment: Kantor und Pfarrerin predigen gemeinsam, aber vom jeweils
angestammten Platz aus. Das Es-Dur-Präludium zieht sich dabei durch den gesamten Gottesdienst, wird in die Choräle verwebt und ist erst am Schluß konzertant zu hören.  Intensive Vorbereitung und wechselseitiges Anteilgeben an den eigenen Zugängen zum Thema zeigten: Musik und Theologie haben sich viel zu sagen…. und wenn die Töne sprechen, kann der Text getrost zurücktreten. Da aber beides durchgängig ineinander verschränkt wurde, soll hier auch der Gottesdienstablauf mit dokumentiert werden.

KonzertGottesdienst am 29. Mai 2016
 (1. Sonntag nach Trinitatis)
Stadtkirche Böblingen
Orgel: Kantor Eckhart Böhm
Predigt und Liturgie:
Pfarrerin Gerlinde Feine

Glockenläuten
„Vater“-Thema aus dem Es-Dur-Präludium

(Votum – Begrüssung)

Im Namen …

Willkommen in Gottes Haus! Willkommen zu einem Gottesdienst, der schon besonders strahlend und festlich begonnen hat mit den ersten Takten aus Johann Sebastian Bachs Präludium Es-Dur (BWV 552).

Majestätisch, kraftvoll und feierlich – französischer Stil! So musiziert man vor dem (Sonnen-)König in all seiner Pracht! So läßt Bach die Orgel von Gott selbst spielen und erzählen, und das ist kein Zufall: Denn seinerzeit begann der Gottesdienst wie heute auch damit, Gott in seinem Heiligtum willkommen zu heißen. Doch auch der „Fürstlichen Herrschaft“ wurde so der weiche Teppich ausgerollt, und erst wenn sie „ins Kirchengemach getreten“ war, begann der Gottesdienst – festliche Ouvertüre also für beide, den König im Himmel und den von Gottes Gnaden in seiner kleinen Herrlichkeit.

Doch in Leipzig, wo Bach als Thomaskantor wirkte, gab es keine Residenz, dort regierte der Magistrat. Es ging protestantisch-bürgerlich zu; und so gilt der Gruß der „Königin“ auf der Empore nur einem Herrn, dem einen, der Himmel und Erde regiert: Gelobt sei Gott, sagt die Orgel, gelobt sei Gott, der nicht im Himmel bleibt, sondern zu uns Menschen herabkommt, hinuntersteigt in majestätisch-gravierenden Schritten, die ganze Es-Dur-Tonleiter, bis er bei den Menschen ist, die auf ihn warten und ihn mit Liedern empfangen, so wie wir das jetzt tun:

EG 165, 1-4.8: Gott ist gegenwärtig….

Psalm 98 (EG 739)

Singet dem HERRN ein neues Lied,
denn er tut Wunder….

Jauchzet dem HERRN, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!…

Ehr sei dem Vater…

Gebet – Stilles Gebet

Allmächtiger Gott, Vater aller Menschen,

Wir danken dir dafür, daß du uns als deine Kinder haben willst, so wie wir sind und wie wir zu dir kommen. Du traust uns zu, dein Reich auf Erden bekannt zu machen und deine Kirche zu bauen. Du schenkst dem, was wir mit unserem Tun und Lassen bewirken, Gelingen und Bestand. Gib, daß wir mit den Gaben, die du uns anvertraut hast, recht umgehen, Gemeinschaft untereinander halten und deine Nähe suchen. In der Stille legen wir unsere Bitten vor dich: Stilles Gebet

Von allen Seiten umgibst du uns, Gott, und hältst deine Hände schützend über uns. Amen.

Schriftlesung aus 1. Joh 4 

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Es-Dur-Präludium mit allen drei Themen (T.1-31 abgekürzt) –auslaufend bei T.98f

Predigt mit Bach und 1. Joh 4[1]

(Drei mal drei mal drei)

So, nun sind sie alle erklungen, die drei Themen dieses großen Präludiums von Johann Sebastian Bach. Es ist das letzte „ungebundene“ Orgelwerk aus seiner Feder, so kann man es in der Literatur lesen, und das einzige in Es-Dur: 3 b hat diese Tonart, von der es heißt, sie sei „der Ton der Liebe, der Andacht, des traulichen Gesprächs mit Gott; durch seine drey B, die heilige Trias ausdrückend.“ (Schubart).

Überhaupt, die Zahl Drei: 3 b, 3 Themen, die nach dem Schema: 3+3+3 angeordnet sind, 3 mal 9 Stücke folgen in der Sammlung, die Clavier-Übung heißt, wohlgemerkt, „3. Teil“, und das letzte Stück ist eineTripelfuge, die zum Präludium gehört, Es-Dur, 3 b. Veröffentlicht hat Bach diese sogen. „Orgelmesse“ im Jahr 1739, und wo so oft drei vorkommt in einer Zeit und in einer Welt, die für solche Symbolik Sinn hatte, liegt es eigentlich auf der Hand: Die Trinität wird angerufen und beschrieben in dieser Dreizahl, der dreieinige, dreifaltige Gott, der so schwer zu erklären ist, der wird so musikalisch begreifbar gemacht, wird beschrieben in den Farben der Musik, in Rhythmus und Form, verzweigt sich, wechselt die Tonart und changiert im Charakter und landet doch wieder beim gravitätisch schreitenden fürstlichen Motiv Gottes des Vaters, von dem alles ausgeht und zu dem alles hinkommt – und beim verbindenden Es-Dur, dem Ton der Liebe, denn Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Und darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Thema 2 („Jesus Christus“) – T. 32-51

(Abwärts)

„Gesandt in die Welt“: Das zweite Thema des Präludiums beschreibt, wie die anderen auch, eine Abwärtsbewegung. Gott muss den Himmel verlassen und zur Welt kommen. Er muss die Menschen suchen und sie müssen sich von ihm finden lassen, anders geht es nicht.

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Und so steigt er hinab. Nicht majestätisch wie im ersten Thema, sondern rhythmisch ruhiger, mit leichten Staccato-Schritten, einladend, werbend, so wie Jesus durchs Land zog, um den Leuten Gott lieb zu machen, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Niemand hat Gott jemals gesehen. Aber wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Gott ist Liebe, sagt Johannes. Er sagt nicht: Gott ist die Liebe oder: Gott ist nur Liebe. Sondern er meint: Gott ist ganz Liebe. Er kennt die Welt, die er schuf, denn er ist ihr ganz nahe gekommen. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn Menschen lieben, er hat am Leibe Jesu Christi erfahren, wie schmerzhaft es ist, nicht wiedergeliebt zu werden. Wenn Liebe umschlägt in Gleichgültigkeit und Hass. Einsam war Jesus am Ende, verlassen von allen, die in guten Tagen mit ihm durchs Land zogen – die Melodie des zweiten Themas läuft erst dreistimmig, dann zweistimmig durch die Manuale, und am Ende steht ein einziger Ton, der tiefste, den man auf der Orgel überhaupt spielen kann, ganz unten im Pedal ein tiefes c

Ein einziger Fußtritt bringt den Christus an den dunkelsten Ort, den man sich denken kann, in die Gottverlassenheit, in den Tod. Tiefer kann man nicht fallen. Weiter weg kann der Himmel nicht sein. Doch darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Wer Gott ist und wie er handelt, das können wir an Jesus sehen. Daran, wie er mit den Menschen umgegangen ist, die ihm begegnet sind. Dass er Krankheiten weggenommen und zerbrochene Beziehungen wiederhergestellt hat. Daß er nicht müde wird, einzuladen zur Nachfolge. Dass er um die Menschen wirbt und für sie leidet.

Und Johann Sebastian Bach, der in der Bibel zuhause war und mit ihr lebte, der komponiert das durch in drei verschiedenen Motiven, die das Schicksal Jesu nachzeichnen, mit Echo und einem deutlich hörbaren Seufzermotiv.

Nochmal das Christusthema…


(Freiwilliger Verzicht)

Daß der Glaube dunkle Seiten hat, Zeiten des Zweifels und der Angst, das war dem Komponisten nicht fremd. Im Mai 1739, im Entstehungsjahr „unseres“ Präludiums, starb sein Sohn Johann Gottfried Bernhard, ein vielversprechender junger Organist und eben frisch ernannter Kantor, im Alter von nur 24 Jahren. Bach hat seine erste Frau und viele seiner Kinder zu Lebzeiten wieder hergeben müssen – unendlich bitter war es ihm jedes Mal. Er weiß um die dunklen Seiten und die düsteren Zeiten des Glaubens, aber er will nicht bei ihnen stehen bleiben.

Deshalb ist die Fortsetzung dieser „Christusmelodie“ aus dem Hauptthema, dem „Gottesthema“ genommen, und egal, wie tief sie hinabsteigt, wird sie doch immer wieder wie von einem Refrain davon aufgefangen und eingeholt: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand!“ – Gott aber ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Auf Gott läuft alles zu. Immer wieder. Fünf mal taucht „sein“ Thema in dem Präludium auf, „trennt“ die anderen oder verbindet sie, je nachdem. Auch in der Fuge ist das übrigens so – Thema 1+2 kommen zusammen, 1+3 auch, aber 2+3 nicht – und alle drei zusammen auch nicht. Obwohl Bach das sicher hätte komponieren können. Immer wieder hat er bewiesen, wie überlegen er das Spiel mit den Tonarten beherrscht, den Quintenzirkel und den Generalbass, die Regeln der Komposition, die bis heute gelten – und die ganz selbstverständlich ausgehebelt werden, wenn einer kommt, der es kann.

So wie Bach. Der selbstbewußt genug war, um andere da und dort buchstäblich „an die Wand“ zu spielen (nicht nur den seinerzeit so berühmten Louis Marchand, der zum Wettspielen gegen ihn gar nicht erst antrat). Und oft genug verärgert bis vergrämt, weil ihm die Mittel und Möglichkeiten fehlten, seine Werke so aufzuführen, wie er sie beim Komponieren hörte. Der hier ein „Livre d’Orgue“ vorlegen wollte, das auch ein musikalisches Ausrufezeichen setzen sollte. Er musste also seine Gründe dafür gehabt haben, die Themen für Christus und den Geist unverbunden zu lassen – genau so, wie wir es von der Theologie des Johannes kennen. Da ist der Geist der Tröster, den Christus sendet, wenn er selbst bei seinem Vater im Himmel ist. Er zeugt von ihm, weist auf ihn hin, tritt aber nicht zusammen mit ihm auf. Ein Gott in drei Erscheinungsweisen. Aber nicht in zufälligen Paarungen. So ist es in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums, mit denen sich Bach schon vor Jahren intensiv beschäftigt hatte für die 1724 uraufgeführte Johannespassion, und so ist es auch hier, im 1. Johannesbrief, wo der Geist dazu dient, Gottes Liebe zu bezeugen:

Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.

Der aber lässt sich nicht bändigen. In schnellen, vitalen Sechzehntelfolgen steigt er herab, breitet sich aus in die Vielstimmigkeit, ruft und erhält Antwort „durch Dur und Moll“. Denn wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.

Drittes Thema „Heiliger Geist“: T.71 ff…


(Naumburg)

Dem Organisten Johann Sebastian Bach stand während seiner Dienstzeit nie eine Orgel zur Verfügung, mit der er wirklich zufrieden gewesen wäre. Schon gar nicht in Leipzig. Noch dazu waren die Orgeln damals anders ausgelegt als unsere Winterhalter-Orgel, hatten eine sogenannte „mitteltönige“ Stimmung, in der bei manchen Quinten der sogen. „Orgelwolf“ lauerte, ein Brummton, den man bei historischen Instrumenten manchmal heute noch hört.

Wenn Bach ein Instrument nach seinem Herzen spielen wollte, musste er sehr weit dafür laufen (z.B. nach Lüneburg und Lübeck, wo es ihm so gut gefiel, dass er seinen Urlaub eigenmächtig verlängerte und sogar für eine Zeitlang vom Radar der Bachforschung verschwand). Oder einen seiner Schüler und Söhne besuchen, die inzwischen selbst Kantoren und Hoforganisten geworden waren. Oder er musste sie sich selbst bauen lassen.

1743 entwarf er im Auftrag der Stadt Naumburg eine neue „Königin“ für die Wenzelskirche dort. Der Leipziger Thomaskantor war gewissermaßen auch Orgelsachverständiger, und trotz der vielen Höflichkeitsfloskeln in seinem Gutachten konnte er davon ausgehen, dass sich die Naumburger an seinen Rat halten würden. Und so wurde die neue Orgel in Auftrag gegeben ganz so, wie Bach sie konzipiert hatte – prächtig und reich, mit für die damalige Zeit ungewöhnlich vielen Registern in – wer hätte es gedacht? – drei Werken plus Pedal. Im Haupt- und Oberwerk je 15 Register, rechnet man den eleganten Zimbelstern mit dazu (und das muss man tun!), im Rückpositiv und Pedal je 12. 3 x 3 x 3 x 3. Drei Manuale. Drei große Pfeifentürme, denen die kleineren Felder des Orgelprospekts zugeordnet sind. Drei Emporen, über denen sie schwebt.

Gebaut hat sie der Silbermann-Schüler Zacharias Hildebrandt, der nicht wenig nervös gewesen sein dürfte, als im September 1746, nach drei Jahren Bauzeit, ausgerechnet sein alter Lehrer Gottfried Silbermann an der Seite Bachs in Naumburg auftauchte, um die Orgel abzunehmen. Ein Vierteljahrhundert vorher hatten sich die beiden Meister nämlich im Streit voneinander getrennt; sogar prozessiert hatten sie, und auch wenn seither viel Zeit ins Land gegangen war…. – wer so etwas schon einmal erlebt hat, weiß, dass es immer Narben hinterlässt, wenn aus einer großen Nähe und wohl auch Zuneigung heraus Streit entsteht, wenn dann auch noch einer verliert und der andere gewinnt oder beide verlieren, weil zu viel Porzellan zerbrochen wurde (das damals für die Region übrigens noch eine ganz neue Erfindung war….).

Doch Silbermann und Bach sind mit dem, was sie sehen und hören, hochzufrieden. Sie spüren die gemeinsame Liebe zur Musik darin, und deshalb erhält Hildebrandt dank der Fürsprache der beiden Koryphäen die begehrte Ernennung zum Leipziger Stadt- und Universitäts-Orgelbauer.

Und Bach?!? Der verhilft seinem Schüler Johann Christoph Altnickol zur Organistenstelle an St.Wenzel – so kann der endlich, einige Wochen später, Bachs Tochter Elisabeth Juliane Friderica heiraten. Denn Liebe ohne geregeltes Einkommen, das ging damals noch nicht. Und von der Musik konnten die wenigsten reich werden („Gott soll’n wir billig loben…“).

Gleichzeitig entstanden im protestantischen Sachsen prächtige Schloßkirchen mit großartigen Orgeln, deren Aufgabe es ausdrücklich war, die Pracht göttlicher Herrlichkeit mit dem Machtanspruch der kleinen Fürsten zu verbinden. Und wieder stand das theologische Konzept der Trinität dahinter. Taufstein – Kanzel – Altar in einer Linie, dazu die Orgel, wenn irgend möglich mit dreigliedrigem Prospekt: Ein Architekt aus Nürnberg namens Schübler – übrigens doch nicht verwandt mit dem von den Chorälen – warb dafür erfolgreich, vielleicht auch hier, denn irgendwann damals wurde auch in Böblingen die Orgel in einer Linie mit Altar und Taufstein aufgestellt, damals, als es das Schloß noch gab und die alten Strukturen der Macht dazu.

Es war, als wollte man die Menschen über den Umweg der Gottesfurcht zum Gehorsam gegenüber den absolutistischen Herrschern anhalten. Wenn dann um Gottes Gegenwart gebeten wird, dann betritt der Fürst die Kirche: Gottesgnadentum und Sendungsbewusstsein – und doch: „Fürsten sind Menschen, vom Weibe geboren, und müssen wieder hernieder zu Staub.“

Und dann kommt es drauf an. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Gott aber ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Noch einmal das „Vater-Thema“, aber ein bisschen so, als wäre es mit der Theologie der Befreiung in Kontakt gekommen. Gott als einer, der den „Wolf“ gezähmt hat und auf der Seite der Armen steht, den Mächtigen gegenüber.

(Die Grenzen der Exegese)

Viel hat sich geändert in der Kirche und in der Musik seit den Tagen von Johann Sebastian Bach. Gott sei Dank! Eines aber ist gleich geblieben: In dem Moment, in dem der Pfarrer die Kanzel erreicht, hat der Organist – normalerweise – Pause. Eine lange und oft auch für Dies und Das nützliche Pause. Denn hier ist die Kirche des Wortes: Sie hört auf die Heilige Schrift, und sie hört auf die, die sie ihr erklären. In klugen, wohlgesetzten Reden.

Musik darf dann auch sein, ja. Aber nicht zu viel, bitte. Nicht zu schwer, damit man mitsingen und dabei auch noch die Texte bedenken kann, die ja auch ein bisschen predigen. Die Orgel sei dagegen nur ein „lediges Gethön“, das zwar „die Ohren fülle“, aber „vom wahren Gottesdienst ablenke“, weil ihr die Worte der Theologie fehlten.So lästerte man bereits lange vor Bach, zänkisch und hochmütig.

Der Streit wurde so erbittert geführt, dass schließlich ein Universitätsgutachten schlichten musste.“Was sonst die Orgeln anlangt, sind wir aus göttlicher Schrift gewiss, dass man Gott auch mit Instrumenten und Saitenspiel lobet und preiset…“ urteilte die Theologische Fakultät Wittenberg 1632, und das gab den Kirchenmusikern wenigstens ein bisschen Freiraum, sich zu entfalten.

Ein langes Präludium war schon damals nicht erwünscht. Aber immerhin: Nach der Lesung des Evangeliums, da durfte sogenannte Figural-Musik sein. Da könnten auch jene großen Orgelwerke im Gottesdienst zu hören gewesen sein, die heute fast nur noch bei Konzerten gespielt werden, solistisch brilliant – aber ohne den ursprünglichen Zusammenhang.

Ohne einen vorangestellten Bibeltext, den sie auslegen. Ohne ein bekanntes Lied, das sie interpretieren. Ohne die Predigt, die sie kommentieren.

Dafür steht im Programmheft umso mehr. Bei Bach ganz besonders. Da werden wir hingewiesen auf Zahlensymbolik und Gesetzmäßigkeiten der Kompositionstechnik, auf biographische Überschneidungen und phantasievolle Hypothesen. Ein bisschen ist es wie in der Theologie. Wir wissen viel über die Texte, mit denen wir umgehen. Aber vieles bleibt auch unsicher und reine Spekulation. Manche überlegen zB, ob Bach das Stück wirklich selbst gespielt oder für seinen Sohn Carl Philipp Emanuel Bach komponiert hat (der war nämlich größer und hatte schlankere Finger als der Vater, mit denen sich die schweren Läufe leichter spielen ließen). Ob es überhaupt jemals im Gottesdienst aufgeführt wurde – die einen sagen so, die andern so… – ob das „Echo“ im Christusthema für die „Zwei-Naturen-Lehre“ steht und der Tonartenwechsel für die Inkarnation undundund

Und dann die Fuge, die wir ja absichtlich „außen vor“ gelassen haben: Ob sie mit ihren drei Themen die Fäden des Präludiums aufgreift – und ob sich tatsächlich die Choräle darin verstecken, die man zu verschiedenen Zeiten und an ganz verschiedenen Orten herausgehört hat?

Sie ist durchgängig „in altem Stil“ komponiert. Das war schon zu Bachs Jugendzeiten nicht mehr üblich. Trotzdem hält er ihn durch, zeigt, dass er ihn beherrscht, ihn sich angeeignet hat durch heimliches Abschreiben der alten Noten seines Bruders (der ihn dafür fürchterlich streng bestraft hatte). Und wieder fragen wir: warum tut er das – komponieren wie vor hundert Jahren? Hat er doch gar nicht nötig. Oder doch?

Mit der Es-Dur-Fuge endet die „Orgelmesse“, diese Zusammenstellung zu den Hauptstücken des Katechismus und des Gottesdiensts. Die – auch damals schon – antiquierte Sprache reformatorischer Theologie, der alte Stil des Glaubens. Längst abgelöst von den Lehrpredigten der Lutherischen Orthodoxie. Und in nicht allzu weiter Ferne bereits Neues in Sicht: Der Pietismus, dem Bach selbst in einigen seiner Kantaten schon ein bisschen die Türe aufmacht, und die Aufklärung, die selbst vor der gotischen Nikolai-Kirche nicht haltmachen und sie innen komplett umgestalten wird im neuen, klassizisitischen Stil. Die alten Bilder – wie das von Lucas Cranach zur Trinität, das Bach während der Predigten dort studiert haben könnte – ab ins Museum damit. Und die alten Worte? Und die Musik „im alten Stil“?!? Passt das auch nicht mehr?

Oder brauchen wir sie heute mehr denn je? Es waren die alten Choräle, die sie bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche gesungen haben, 1989. Es sind die alten Worte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, die wir heute noch sprechen, weil sie uns mit denen verbinden, die vor uns geglaubt haben. Und so Gott will nach uns glauben werden. Obwohl wir vieles längst anders sagen. Und in anderen Sprachen. Andere Lieder singen, neue Rhythmen und Bilder finden für unseren Glauben.

Neues schaffen und das Alte bewahren. Die Glut nutzen, um das Feuer neu zu entfachen. Die alte Botschaft neu unter die Leute bringen… Das Wort von Gott, der Liebe ist und Liebe schenkt: Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.

Amen.

Bei „Die Glut nutzen…“ setzt das Thema des Heiligen Geistes leise ein, um dann anzuschwellen, sich auszubreiten und aufzugehen im nächsten Lied:

N 93, 1-3: Wo Menschen sich vergessen

Fürbitten – Vaterunser

Du schenkst uns dein Wort und sendest uns in die Welt. Wir danken dir für die Gaben, die du deiner Kirche schenkst, und für die Menschen, die das, was sie von dir empfangen haben, einsetzen für deine Gemeinde. Wir danken dir für die Musik und für die, die uns durch sie die Herzen für dein Evangelium öffnen. Wir danken dir für die Kunst, die uns anrührt und begeistert.

Wir bitten dich für die Menschen, die Angst haben vor dem Leben, Angst vor der Zukunft – und manchmal auch Angst vor sich selber. Lass sie Vertrauen gewinnen und Hoffnung. Gib ihnen dein Evangelium und eine Gemeinde, die es mit ihnen lebt. Wir bitten dich für die Menschen, die Verantwortung tragen in Politik und Wirtschaft. Gib ihnen die nötige Ehrfurcht vor dem Leben und schenke ihnen den Mut, sich dafür einzusetzen.

Wir bitten dich für die Menschen, die dankbar sind für deine Schöpfung, dass sie nicht nur in ihr leben, sondern sie auch bewahren. Hilf uns, zu verstehen und zu respektieren, wie deine Welt gemacht ist. Gib den Tieren Raum zum Leben und uns den Verstand, ihnen diesen Platz zu erhalten. Und schließlich bitten wir dich für die Kranken, die Sterbenden und die Trauernden, dass sie nicht alleine bleiben, sondern Hilfe und Begleitung finden in ihrem Schmerz.

Wir beten mit allen, die an dich glauben und mit den Worten, mit denen deine Kirche von Anfang an zu dir ruft:

Vater unser…

EG 554, 1-4 Der Geist des Herrn erfüllt das All

Abkündigungen

Votum

Segen

J.S.Bach: Präludium Es-Dur BWV 552,1

 

[1] Nicht alle Literatur, die wir für diesen Gottesdienst herangezogen haben, kann hier aufgelistet werden. Für eine erste Orientierung nützlich ist aber http://www.bachs-orgelwerke.de/index.php/werkverzeichnis/43-bwv552.
Zu Zacharias Hildebrandt und seiner Orgel in Naumburg: http://www.hildebrandtorgel-naumburg.de/z_hildebrandt.htmlWeitere Anregungen verdankt die Predigerin der Dissertation von Bernhard Buchstab über Thüringer Schlosskapellen (dort besonders die Kapitel zur Stellung der Orgel im lutherischen Gottesdienst): http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2003/0634/pdf/dbb.pdf sowie Herrn KMD Torsten Sterzik, Hildburghausen.

 

 

 

 

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