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Predigt über Röm 11, 33-36 am Dreieinigkeitsfest

O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unergründlich sind seine Entscheidungen und unerforschlich seine Wege!
Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?
Wer hat ihm etwas geliehen, und es müsste ihm von Gott zurückgegeben werden?
Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit, Amen.
(Röm 11, Zürcher Bibel)

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(Kappl I)

«Erkläre uns die Trinität!
Erklär uns, wie es sich verhält mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist, wie sie jeder für sich doch alles in einem sein können. Erkläre es denen, die kaum lesen können oder schreiben, die hart arbeiten und doch nicht weiter kommen, die nur einen Tag haben und dieses eine Fest, einmal im Jahr, wenn es grün wird auf der Anhöhe zwischen Glasberg und Dietzenberg, wenn die Birken ausgetrieben haben und der gelbe Raps von den Feldern her leuchtet.

Dann sollen sie kommen und sehen und verstehen ohne Worte! Sie sollen es begreifen in deiner Sprache, der Sprache der Steine und Balken, der Simse und Mauern, der Fenster und Türen und Dächern und Zinnen. Finde deine Sprache. Bau der Dreifaltigkeit eine Kirche!»

So oder so ähnlich wird er gesprochen haben, der Abt des Klosters Waldsassen in der nördlichen Oberpfalz, vor etwa 330 Jahren in der Zeit der Gegenreformation. Drüben, nicht weit weg von seiner Studierstube, bauten sie gerade die prachtvolle Stiftsbasilika, und ein paar Meter weiter, im Klausurbereich des Klosters, entstand die später weltberühmte Bibliothek mit ihrem Holzschnitzwerk, dem Stuck an der Decke, den Wandgemälden und den tausenden von Folianten, an denen wir beim Schulausflug noch flüsternd und mit riesigen Filzpantoffeln an den Füßen vorbeigeführt worden sind.

Dort in der Bibliothek liegen auch noch die Pläne des Baumeisters Georg Dientzenhofer, der all diese Bauten prägte, und dort erzählte uns eine kleine, gebeugte Zisterzienserin auch zum ersten Mal die Legende vom Bau der Wallfahrtskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit, der Kappl.

Dientzenhofer sollte sie quasi nebenher mit erneuern, an der Stelle, an der schon seit dem frühen Mittelalter ein sogenanntes Gnadenbild den dreieinigen Gott verehrte. Nach der schlimmen Zeit des Dreißigjährigen Krieges aber reichte die alte Kapelle nicht mehr aus, um die wieder fromm und katholisch Gewordenen zu empfangen. Ein neues Gotteshaus sollte her, und Dientzenhofer sollte es bauen. Aber wie?

Die Legende sagt, er sei beim Nachdenken über dieses Projekt einmal an der Wondreb spazierengegangen, einem Zufluß der Eger, der dort im Grenzgebiet zwischen Deutschland und der Tschechei seinen Weg zum Meer sucht. Da habe er einen alten Weidenbaum aus dem Wasser ragen sehen, aus dessen Wurzelstock drei gleich starke Stämme nach oben wuchsen. «Drei und doch eins, die Dreifaltigkeit! Der Grundriss für die Wallfahrtskirche! So will ich die Kapelle bauen!» dachte er. Drei Rundtürme, die aus einem Grund wachsen, drei Gewölbe, die ein Dach bilden, drei Nischen, die zusammen ein Raum sind. Und drei Altäre in jeder Nische, doch an jedem einzelnen soll der dreifaltige Gott gepriesen werden.»

Und alles zusammengehalten von einem Umgang, der die Kappl von weitem rund wie die Erde selbst wirken läßt – seltsam zwar für eine Kirche, ein echtes Wahrzeichen in der Landschaft – aber erst wenn man sie betritt, sieht man die steingewordene Predigt, staunt über die Farben, den Stuck, den Glanz.

O Tiefe des Reichtums,
der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist alles.

Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

 

(Mengenlehre I)

Alles gibt es in dieser Kirche exakt drei Mal. Oder drei mal drei Mal. Altäre, Nischen, Fenster und Oberlichter. Türme und Dachreiter, Treppenaufgänge und Deckengewölbe. Anbetungsecken und Beichtstühle. Leuchter und Kerzen. Alles sortiert und ausgerichtet auf einem Grundriss, der auf dem kreisrunden Boden ein gedachtes Dreieck abbildet, das alte Symbol für die Dreieinigkeit. Jede Spitze zeigt zu einem der Altäre, weist auf eine der drei Personen Gottes hin, die dann im Deckenfresko vorgestellt wird. Die Bänke im Kirchenschiff stellen dieses Dreieck nach, lassen die Leute, die dort feiern, umhüllt sein von der göttlichen Form. Immer drei Mal.

Naja. Fast immer. Es gibt nur eine Sakristei. Und nur eine Orgel. Aber die hat mit zwei Manualen und einem Pedal drei Klaviaturen. Und in den Werken sechs plus drei plus drei Register, mit denen der vielstimmige Gesang begleitet werden kann, das Lied der Staunenden, der Jubel des Begreifens:

O Tiefe des Reichtums,
o Weisheit, o Erkenntnis Gottes!
Ehre sei dir in Ewigkeit.

So klingt es bestimmt auch heute, beim Kapplfest. Dann singen sie wieder «Großer Gott, wir loben dich», beten und feiern und zählen nach, ziehen imaginäre Verbindungslinien, denken sich die Trinität und ordnen ihr ihre Eigenschaften zu, so wie es die Künstler taten, die die Innenausstattung schufen.

Und versuchen zu trennen und zu sortieren und zu verstehen: Was der Vater tut und der Sohn. Wie der Geist wirkt und ob man nun zu allen dreien oder immer nur zu einem beten soll. Ob alle hören und handeln – oder ob sie sich doch auseinanderdividieren lassen, ein bisschen wenigstens…

„Gott über mir“, Vater unser im Himmel
„Gott neben mir“, Jesus, mein Bruder.
„Gott in mir“, Ruach, Lebensatem, Geistkraft und Segen.

Reichtum, Weisheit, Erkenntnis.
Fülle, Gnade, Geheimnis
Vater, Sohn und Geist.

Wie unergründlich sind seine Entscheidungen
und unerforschlich seine Wege!

Göttliche Mengenlehre? Oder geistliche Theorie? Was steht da und was lesen wir hinein? Drei Antworten, drei Fragen, einfach zuzuordnen in umgekehrter Reihenfolge:

Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt,
oder wer ist sein Ratgeber gewesen?
Wer hat ihm etwas geliehen,
und es müsste ihm von Gott zurückgegeben werden?

Erkenntnis, Weisheit, Reichtum
Geheimnis, Gnade, Fülle
Geist, Sohn, Vater

Wie unergründlich sind seine Entscheidungen
und unerforschlich seine Wege!
Und wie wenig kann unsere Logik sie in Regeln fassen.

 

(Trauerfeier für Niklas P.)

Genau das aber hatte Paulus versucht. Das Lied, das wir heute von ihm hören, diese drei Fragen mit ihren drei Antworten, es steht im Römerbrief am Ende einer langen Erörterung über den Weg Israels. Da argumentiert er drei Kapitel lang, wie es wohl werden müsse mit Gottes auserwähltem Volk, weil es Jesus nicht als den Messias anerkennt. Er beschreibt die Gründe, wie er sie wahrnimmt. Er bringt Schriftbeweise und zieht die gelehrten Kommentare zu Rate, die er als versierter Theologe einst gelesen und durchdrungen hatte.

Geht es nach den Gesetzen der Logik, ist alles klar. Wer Jesus nicht annimmt, ist verloren. Das hat er messerscharf bewiesen, so wie er viele andere Dinge klug und mit Logik abzuleiten pflegte zum Leben der Gemeinde und zur Stellung der Frau und zum Gehorsam gegenüber dem Staat.

Aber ach, am Ende, da geht seine Logik nicht auf. Da bleiben Fragen offen. Und stehen Antworten da, gesetzt von Gott, an denen er nicht vorbei kann, obwohl sie gar nicht in sein logisch konstruiertes Haus passen. Es lässt sich eben nicht alles durch drei teilen, und selbst wenn, dann passt es nicht mit der Aufteilung der Nischen, muss dies oder das draußen in den Rundgang, müssen da doch ein paar Zuordnungen offen bleiben und ein paar Fragen sowieso.

Denn wenn der dreieinige Gott Liebe ist – wie kann er den immer schon Geliebten seine Zuneigung entziehen? Wenn er das Gute will, wie kann er Leid geschehen lassen? Wenn er Frieden stiftet, wohin dann mit unserem Hass?

Gestern wurde in Godesberg der 17jährige Niklas begraben. Tausende waren dabei. Auch das Fernsehen, natürlich. Alle trieb die Frage um, wie es geschehen konnte, dass ein junger Mann einfach so totgeprügelt wurde mitten auf der Straße. Die Predigt von Dechant Picken suchte nach Antworten. Differenziert. Abwägend. Mit Argumenten und Verständnis, mit Appellen und Logik. Und dem Versuch einer Antwort auf die Frage nach dem Leid, das in Gottes Welt geschieht, einer Antwort, die so allgemein gültig ausfiele, dass sie auch den Trauernden in Paris und Kairo helfen sollte, deren Angehörige auf dem Flug von Frankreich nach Ägypten ums Leben kamen.

«Nicht Gott hat versagt, sondern der Mensch!» wurde in den Hauptnachrichten aus dem Trauergottesdienst zitiert. Weil es nicht sein kann, dass Gott, dieser Liebende und Allumfassende, diese dreimaleins den Menschen zugewandte Vater-Sohn-Geistkraft Tod und Leid über sie bringt. Bevor man ihn auseinanderdividiert in Liebe, Gericht und Strafe oder in Allmacht, Ohnmacht und Beistand, dann lieber Gott und Mensch auseinanderziehen, Schöpfer und Geschöpf, Kain und Abel, Weisheit und Welt.

Oder doch lieber bei der Logik bleiben? Bei der reinen Lehre, bei Weltgericht und Tun-Ergehens-Zusammenhängen? Bei einem Glauben, der immer noch Angst haben muss vor Gottes Rachefeldzügen, bei einer Spiritualität, die ständig damit beschäftigt ist, den Herrn in seinem Grimm zu besänftigen??

 

(Mengenlehre II)

«Ich kann es mir nicht vorstellen», sagt Paulus.

Ich kann mir einen Himmel nicht denken ohne die, die Gott einmal erwählt hat. Ich weiß zwar nicht, wie es gehen kann, denn meine Logik kommt zu einem anderen Ergebnis. Aber ich weiß auch, dass Gott anders rechnet. Dass er seinen Geboten und Gesetzen treu bleibt und doch nicht gegen die Menschen handelt.

Er ist kein Fürst, der womöglich sich selbst bestrafen muss, nur um dem eigenen Kategorischen Imperativ zu folgen. Und er ist kein Despot, der willkürlich und ohne Verlässlichkeit regiert. Und schon gar nicht ist er darauf angewiesen, menschliche Ordnungen zu befolgen.

Unergründlich sind seine Entscheidungen
und unerforschlich seine Wege!
Wer hat den Sinn des Herrn erkannt?
Wer ist sein Ratgeber gewesen?

Wer hat ihm etwas geliehen,
und es müsste ihm von Gott zurückgegeben werden?

Aus dem Alten Testament stammen diese Fragen. Paulus kennt den Zusammenhang, in dem sie gestellt wurden, und er kennt die Personen, die zuerst so fragten.

Einer davon ist Hiob. Der Fromme, dessen Vertrauen auf die Probe gestellt werden sollte. Dem alles genommen wird, was ihm lieb war. Der mit seinen Freunden diskutiert und am Ende mit Gott selbst streitet. Dem Gott schließlich Rede und Antwort steht und ihn fragt, wo er denn gewesen sei, als die Welt erschaffen wurde. Was er denn getan habe, das ihm erlaube, mit Gott einen Rechtsstreit zu führen. Wie er dazu komme, an Gottes Macht und Liebe zu zweifeln.

Auf menschliche Logik lässt Gott sich da ein, um sie am Ende ausser Kraft zu setzen. Gut geht es aus mit Hiob. Gut ging es immer wieder aus mit Israel, nach dem die Propheten fragten. Gut geht es aus mit uns, die wir zu Christus gehören.

Unergründlich sind seine Entscheidungen
und unerforschlich seine Wege!

Wer sie verstehen will, dem bleibt nur Staunen. Und Vertrauen. Und ein Gott, der sich auf vielfache Weise zu erkennen gibt, weil er uns liebt. Der Gräben zuschüttet und Hindernisse wegräumt. Der Liebe ist und Leben will und Zukunft schenkt.

 

(Kappl II)

Ich bin – das habe ich ja schon angedeutet – ganz in der Nähe der Kappl aufgewachsen. Es sind nur wenige Kilometer von dort nach Hause, und doch schien es lange Zeit, als läge die Oberpfalz eine Weltreise weg von ihren oberfränkischen Nachbarn. Dort war man katholisch, hier evangelisch. Dort prägte Landwirtschaft das Bild, bei uns die Industrie. Klar, da hatte sich spätestens durch den Krieg und die Vertreibung schon manches verändert. Aber die alten Vorurteile steckten tief.

Das Gymnasium lag quasi im Grenzgebiet, hatte Schülerinnen und Schüler von hier und dort. Da kam es vor, dass sich zwei näherkamen im Physiksaal oder in der Tanzstunde, und sich verliebten, die nicht dieselbe Konfession hatten. Heute kein Problem. Aber damals…

Meine Tante war wohl eine der ersten evangelischen Bräute, die vor dem Hochaltar der Kappl mit einem katholischen Bräutigam getraut wurde. Anfang der 70er Jahre war das, und die beiden hatten nach Schule und Studium noch ein bisschen gewartet, bis die Verabredungen des 2. Vatikanischen Konzils auch bei uns angekommen waren. Für uns Blumenkinder war es eindrücklich, weil unerhört und nie gesehen, dass da gleich zwei Pfarrer zelebrierten, einer im schwarzen Talar und der andere weiß-gold in Albe und Stola. Staunend saßen wir (und die Erwachsenen auch) unter den drei Gewölben, staunend registrierten wir, dass nichts passierte, das man als Ausdruck göttlichen Missfallens hätte deuten können, kein Stuck von den Wänden bröckelte und dergleichen mehr – nichts außer Segen und Licht und Freundlichkeit, gemeinsames Singen und Feiern und Loben zur Ehre Gottes – in diesem Haus, das einmal als prunkvolles Manifest der Gegenreformation errichtet worden war, dessen eigentlicher Hausherr aber längst die Türen und Fenster aufgemacht hatte für alle, die ihm nachfolgen wollten.

Da saß ich also und spürte zum ersten Mal, dass der dreieinige Gott viel mehr ist und kann als sich mit ausgeklügelten Plänen und Logik darstellen läßt. Daß dieses drei und drei mal drei und drei in einem immer noch nicht ausreicht, ihn zu verstehen und zu begreifen, und daß es eigentlich nur eine Antwort gibt, die wirklich stimmt, nämlich:

Daß Gott schön ist. Prachtvoll und herrlich wie eine barocke Wallfahrtskirche, zärtlich und gut, wie der Wind, der über die Felder streift, stark und gütig und voller Nachsicht und Segen.

Wer ihn beschreiben will, der kommt am Ende da hin, wo Paulus mit seiner Logik auch landete: Im Gotteslob und im Staunen.

O Tiefe des Reichtums,
der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Aus dir und durch dich und auf dich hin ist alles.

Dir sei Ehre in Ewigkeit.

Amen.

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