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Predigt über Epheser 3,14-21 am 8. Mai 2016  (Exaudi)

 

superthumb(Umsturz)

  1. Mai 1945.

Ich weiß nur aus Büchern, wie es gewesen sein könnte, damals in den Tagen zwischen Krieg und Frieden.

Als nach und nach überall die Kämpfe aufhörten. Als niemand so recht wusste, wer nun das Sagen hatte.

Als sie warteten, unten im Bunker unter dem Schlossberg oder auf den zerschossenen Lazarettschiffen an der Langen Linie von Kopenhagen. Als sie sich auf den Heimweg machten. Zu Fuß, per Anhalter, auf überfüllten Waggons und Lkw-Pritschen, mit oder ohne Papiere, oder mit Papieren, die eher kleine Kunstwerke waren, gefälscht und vom Schwarzmarkt.

Als sich die Mädchen im Keller verstecken mussten vor den Männern in den fremden Uniformen – dabei war es draußen so schön, und „die Tage nahmen ja zu„!

Als mitten im Schönbuch eine Grenze verlief und die alten Schmugglerpfade wieder zu Ehren brachte. Das alles nach dem 8. Mai, als die Kapitulation perfekt war…

Eine eigenartige Situation muss das gewesen sein, damals. Ich kenne sie nur aus Erzählungen. Ich weiß nur, was ich gelernt habe über diese Zwischen-Zeit.

Die Älteren können davon erzählen, wenn man sie fragt und läßt. Von den letzten, sinnlosen Kämpfen, bis am 22. April auch in Böblingen die Franzosen standen und der Krieg vorbei war. Davon, wie vorsichtig man sich bewegte zu Anfang. Vom Aufräumen in der Stadt. Von neuen Verhältnissen in den Fabriken und auf dem Flugfeld. Von den Fremden, die Aufnahme suchten, und vom Warten auf die Vermissten.

Warten auf Nachrichten, auf Passierscheine, auf Zuteilungen. Warten. Aber nicht mit den Händen im Schoß. Lange genug hatten andere bestimmt. Wie da vieles ausprobiert wurde ohne Dienstweg und Zuständigkeiten, organisiert und entschieden. An der Tübinger Universität hatte nur eine Fakultät den Betrieb aufgenommen – und alle, die hungrig nach neuen Ideen waren, gingen hin, egal, was sie später studieren wollten. Die alten Regeln galten nicht mehr. Neue waren noch nicht gesetzt. Das war – bei aller Not und dem Schrecken dessen, was nun ans Licht kam – auch eine Zeit großer Freiheit.

„Umsturz“ sagten sie dazu in dem Dorf, in dem ich lange Pfarrerin war. Nicht „Zusammenbruch“, nicht „Befreiung“. Sondern eben Umsturz. Alles kehrt sich um. Alles verändert sich. Und die Menschen mussten sehen, was sie hält und trägt – wo sie Wurzeln hatten und schlagen konnten, wenn alles sich veränderte….

 

(Warten)

stark …werden durch den Geist am inneren Menschen,
dass … ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid…

Das wollten auch die Christen am Ende des 1. Jahrhunderts. Auch so eine Zwischen-Zeit: Die Generation der Apostel lebt nicht mehr. Die Wiederkunft Christi verzögert sich. Die alte, vertraute Welt mit ihren gewohnten Ordnungen versinkt: Die Römer haben Jerusalem erobert und den Tempel zerstört. Viele haben ihre Heimat verloren. Freundschaften sind zerbrochen, Familien getrennt. Erste Verfolgungen bringen Gefangenschaft und Tod.

Die junge Kirche braucht eine Basis, auf der sie bestehen kann, Maßstäbe, die sie begreift und an denen sie sich ausrichtet:

Sie müssen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft…

Und halten sich an das, was ihnen erzählt wurde. Die jetzt gefangen sind, sollen an Paulus denken, der aus dem Gefängnis heraus noch Gemeinde bauen konnte. Sie sollen wie er ihre Knie beugen vor dem Vater, betend alle Not vor Gott bringen und im Beten hören, was er ihnen sagt.

Staunen sollen sie lernen – dass Gott mehr ausrichtet als alle Mächte der Welt.

Vertrauen sollen sie üben – dass seine Liebe immer noch größer ist als alles, was sie kennen.

Nutzen sollen sie diese Zeit des Übergangs – sich vorbereiten und lernen, sich vergewissern und verstehen, die Freiheit einüben, die die Kinder Gottes haben, weil der, der vor Gott kniet, es vor keinem Menschen tun muss (D.Bonhoeffer).

So warten sie. Und legen die Hände nicht in den Schoß, sondern falten sie, strecken sie zum Himmel, reichen sie den anderen, die ihre Hilfe brauchen. Aktiv und mit Mut zum Risiko. Eingewurzelt in der Liebe. Getragen von Gott.

Dem aber, der überschwänglich tun kann
über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen,
nach der Kraft, die in uns wirkt,
dem sei Ehre in der Gemeinde

 

(Rimini)

Aktiv warten auf Gottes Wirken.

Beten, lernen und vertrauen…. Was die alte Kirche vorgelebt hatte, bot in der Zwischen-Zeit nach dem 8.Mai 1945 eine neue Chance für die alt gewordene Kirche.

Wer nüchtern und selbstkritisch genug war, wusste, dass sie sich verändern musste. Dass die alten Strukturen aus der Kaiserzeit mit verantwortlich gewesen waren für das unvorstellbare Leiden und Sterben – zu viel Gehorsam, zu wenig Widerstand, zu viel Begeisterung für falsche Lehren.

Nun sollte es anders werden. Aber wie?

In Bebenhausen wagte Richard Gölz zusammen mit einigen Frauen das Experiment eines klösterlichen Lebens in Gebet und Gemeinschaft. Sein Weggefährte aus der Sozietät, der Iptinger Pfarrer Paul Schempp, entwarf ein kirchenpolitisiches Programm für den „Weg der Kirche“.

In den Gefangenenlagern organisierten ehemalige Hochschullehrer und Pfarrer Theologische Seminare für ihre Mithäftlinge: In Rimini paukten sie Griechisch und Hebräisch, übten Exegese, hörten Kirchengeschichte und Dogmatik bis zu einer mit vollem Ernst durchgezogenen Semesterprüfung, die an den Hochschulen zuhause anerkannt werden sollte. Doch die „Riminesen“, die nach Studium und Vikariat als Pfarrer mithalfen, die Evangelische Kirche nach dem Krieg wieder aufzubauen, spürten, dass Lernen allein nicht reicht. Sie suchten auch die geistliche Gemeinschaft, nach den Regeln der Michaelsbruderschaft teilten sie Gebetszeiten und Gottesdienste – und saßen nächtelang und diskutierten die Zukunft der Kirche. Visionen einer Zwischen-Zeit. Hoffnung und Gott-Vertrauen:

… mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, … erfüllt werden mit der ganzen Gottesfülle. Dem, der überschwänglich tun kann…, die Ehre geben…

 

(hinter verschlossenen Türen)

Zwischen-Zeiten sind Wartezeiten. In der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten warteten seine Jüngerinnen und Jünger auf den Heiligen Geist. Warteten darauf, dass er ihnen die Richtung zeigen würde. Warteten buchstäblich auf die „zündende Idee“.

Und nutzten die Zeit des Wartens. Erzählten sich gegenseitig, was sie mit Jesus erlebt hatten. Erinnerten sich an seine Predigten, an die vielen Dinge, die er ihnen eingeschärft hatte. Übten, wie man das Brot teilte und den Wein weitergab. Erinnerten sich daran, wie er sie durchs Land geschickt hatte, um zu taufen. Gingen immer wieder vor Gott auf die Knie, beteten, dankten, hörten ….

Im Beten lernten sie Gott neu kennen. Ließen zu, dass er ihnen neue Gedanken ins Herz und in den Kopf gab. Ideen für die Zukunft, Bilder von einer Kirche, die anders war als das, was sie kannten und doch so vertraut und schön, dass sie Heimat sein konnte.

Sie bereiteten sich vor auf den Moment, an dem die Türen und Fenster auffliegen würden und der Heilige Geist das Haus ordentlich durchpustete.

Mehr als sie dachten, obwohl sie doch darauf eingestellt waren. Der Heilige Geist ist gründlich. Der findet den Staub auch da, wo wir schon dreimal geräumt und gewischt haben. Der wirbelt alles durcheinander. „Umsturz“! Und Neuanfang. Mehr, als man sich vorstellen kann. Mehr, als wir erkennen können. Liebevoller, als wir es uns erhoffen.

Durchgelüftet. Wie unsere Häuser am Morgen noch die Kühle der Nacht bewahren, bevor die Sonne wieder durch die Scheiben strahlt. Klar, frisch, belebend. Tief durchatmen – und dann los! Hinaus in die Welt. Anderen davon erzählen. Den Reichtum teilen. Die Liebe weitertragen.

Sobald die Zeit da ist.

 

(Energieerhaltungssatz)

Zwischen-Zeiten gehen vorüber. Und nicht alles, was sie ermöglicht haben, darf dann auch bleiben.

So war es auch nach dem letzten Krieg. Die Wirtschaftswunderjahre brachten nicht nur Fortschritt. Die Trümmerfrauen mussten zurück an den Herd und bekamen statt eines gleichen Gehaltes nur ein paar Blümchen zum Muttertag. Wiederaufbau mit Nostalgie und Sentimentalität….

Und in der Kirche?!? Die Visionen von Gölz und Schempp, die Träume der Riminesen – was ist aus ihnen geworden?

Manches Erwünschte ist nicht in Erfüllung gegangen.

Manches Befürchtete hat sich bestätigt.

Die Konsistorien mit ihrer Behördenmentalität sorgten bald wieder für Ordnung. Das Kloster Bebenhausen wurde zum Forstamt, die Frauenordination, die zaghaft während des Krieges unter der Hand angefangen hatte, wurde zurückgestellt und musste auf den frischen Wind der 68er Jahre warten.

Geblieben ist die besondere Gemeinschaft, auch als die Zwischen-Zeit vorbei war und die Türen und Vorhänge wieder zu: Die Absolventen jener Theologischen Seminare in den Gefangenenlagern hielten über 40 Jahre Verbindung zu den Kommilitonen in der DDR und sorgten so mit dafür, dass nach der Wende die Kirche neu zusammenwachsen konnte.

Denn: Zwischenzeiten setzen Energie frei. Mehr als man denkt, wenn dann wieder Ruhe eingekehrt ist und alles wieder so wie beim Alten zu sein scheint oder gar noch ein paar Schritte weiter rückwärts macht (das war übrigens schon in der Alten Kirche so).

Doch die Energie geht nicht verloren. Das Gefühl der Freiheit. Der Geist der Gemeinschaft. Die Euphorie des Anfangs. Die Dankbarkeit für das neu geschenkte Leben

Die Evangelische Kirche hat sich verändert. Sie verlässt sich nicht mehr nur auf die Amtsträger. Kirchentage sind in der Zwischen-Zeit nach dem Krieg entstanden, gegründet von Menschen, die damals Neues bauen wollten!

Die Evangelische Kirche hat gelernt, über die Grenzen Deutschlands hinaus zu schauen und den Kirchen in der weltweiten Ökumene nicht mehr im Kolonialstil zu begegnen.

Die Evangelische Kirche lebt und erlebt Ökumene – die Kommunität von Taizé, kurz nach dem Krieg gegründet, ist da das beste Beispiel, aber auch die Veränderungen, die unsere Katholische Schwesterkirche seither zugelassen hat, kommen aus jener Zwischen-Zeit: „Aggiornamento! Fenster auf!“

Die Energie ist noch da. Ist da, weil Gott so überreich gibt, so heilig ist…

Wir spüren sie nur nicht, wenn wir sie einsperren hinter all den Vorschriften und Rechtssammlungen, Zuständigkeiten und Verfahrensgrundsätzen, unter Hierarchien begraben und mit Machtgebaren zurückdrängen. Sie will hinaus. Will singen, feiern und in die Welt ziehen. Überschwänglich, Überreich. Aktiv und mit Mut zum Risiko. Ausgestreckt zum Himmel, betend auf den Knien. Eingewurzelt in der Liebe. Getragen von Gott.

Nächste Woche ist Pfingsten. Zeit, die Fenster zu öffnen. Dem Geist Raum zu geben. Zuzulassen, dass er alles durcheinanderwirbelt. Und uns nach draußen schickt.

Dem aber, der überschwänglich tun kann
über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen,
nach der Kraft, die in uns wirkt,
dem sei Ehre in der Gemeinde

Così sia – so sei es. Amen.

 

 

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