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Abendgedanken zum Mahl – Gründonnerstag 2016
mit Dank an Birgit Mattausch für die geborgten Worte
und dem Projekt mahl ganz anders für die Illustrationen im Liedblatt Gründonnerstag 2016

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Dieser Abend ist einer mit Tränen
Abschiedsabend
Dies ist das letzte Brot.
Das ist der letzte Wein
Danach müssen wir scheiden.
Iß. Trink.
Die Reise ist weit.
Du wirst gehen müssen bis ans Ende der Welt.
Das ist die Reise deiner Seele.
Jeder Tag ein Abschied, jede Stunde, jeder Atemzug.
Häng dein Herz nicht zu sehr an die Dinge
Frage dich: Worauf ist Verlass?
Vielleicht nur auf das Kleine.
Nur das über Nacht.
Das ist das letzte Brot.
Das ist der letzte Wein.
Wir mischen ihn mit Tränen.

Denn das Fest hat seine Unschuld verloren.
„Einer ist unter euch, der mich verraten wird.“

Jesus bleibt ganz ruhig. Er weiß ja, dass es so sein muss.
Er weiß, dass der eine nur der erste ist.
Der, der den Dingen ihren Lauf geben wird.
Die anderen werden nichts mehr verhindern.
Nichts ändern. Nichts dagegenhalten.
Sie werden auch gehen. Sie wussten es nur noch nicht.

„Einer von euch wird mich verraten“
Jetzt ist Tumult am Tisch.
Bartholomäus stützt sich empört auf: „Ich doch nicht!“

Jakobus ist starr vor Schreck.

Andreas wehrt mit beiden Händen ab: „Du irrst dich, Jesus!“

Petrus fragt bei Johannes: „Weißt du, wen er meint?“ Er kann es nicht sein, soviel ist sicher. Bis er später in der Nacht an jenem Feuer sitzen wird im Hof des hohepriesterlichen Palasts. Bis der erste Hahnschrei den neuen Morgen ankündigt.

Judas schaut an allen vorbei. Ist er schon „auf Autopilot“, so wie die, von denen wir lesen, deren Bilder wir sehen in den Nachrichten aus Paris und aus Brüssel und Istanbul, aus Winnenden und aus dem Bergmassiv, an dem vor einem Jahr ein Flugzeug zerschellte. Er hat kein Gesicht – trägt er ihres? Das der Männer, die sich selbst zerstören, während sie andere töten, um in einen selbstgebastelten Himmel zu kommen? Oder hat er Angst, einen Rückzieher zu machen, wenn seine Blicke jetzt die des Freundes kreuzen?

Johannes trauert still vor sich hin: „Lasst mich in Ruhe.“ Später wird er als einziger bis zum Ende dabeibleiben. Und dann doch den Frauen überlassen, für den Leichnam zu sorgen.

Thomas droht zum Himmel: „Weh dem, der es wagt!“ Später wird er zweifeln. Wird seinen Finger brauchen, um die Wundmale zu berühren. Wird seine Hand ausstrecken, um Jesus zu umarmen.

Jakobus breitet die Arme aus: „Ich schütze dich mit meinem Leben, Jesus!“ Es ist dieselbe Geste, die andere empfängt und aufnimmt. Auch die, die heute unterwegs sind auf dem Camino, dem Jakobsweg, die ihre Sorgen und Probleme, ihre Hoffnungen und Wünsche ans Ende der Welt tragen. Sie sind eingeladen. Brot und Wein. Heute noch.

Philippus kann es nicht glauben: „Das kann doch nicht sein!“

Matthäus bittet Simon um Bestätigung: „Hat er das wirklich gesagt?“ Er muss es genau wissen. Später wird er alles aufschreiben. Wird Informationen zusammentragen, Zeugen befragen, eigene Erinnerungen dazulegen. Die Geschichte der Nacht formen und der Tage, die kommen würden.

Thaddäus traut seinen Ohren nicht: „Das kann nicht sein!“

Simon versucht Jesu Worte zu begreifen. So wie der Maler, der sich das Motiv zueigen gemacht hat, und dessen Gesichtszüge man in ihm erkennen kann. So wie die vielen, die seither den Mut hatten, das berühmte Bild zu verfremden. Die ihre eigenen vorläufigen Antworten gaben; wir sehen sie auf den Bannern der Ausstellung.

Ist hier jemand fehl am Platz?
Sollten da nicht einige die Plätze tauschen?
Fehlen gar etliche, die doch eingeladen sind?

Die vielen freien Plätze auf der dem Betrachter zugewandten Seite der Tafel laden ein: „Zu Tisch, bitte!“ Zum Reden, Essen, Feiern. Anderen begegnen. Fremde(s) entdecken. Gastfreundschaft spüren. Das eigene Licht leuchten lassen. Die eigene Haltung finden. Den eigenen Weg gehen – und merken, wie schwer das ist. Willkommen sein. Trotz eigener Schuld und eigenen Versagens. So wie die, die damals zusammenkamen. Die von der Nacht getrennt wurden. Und sich wenige Tage später wiedertrafen – in einer neuen Zeit. Mit neuem Brot, neuem Wein, gemischt mit Tränen der Erleichterung und der Scham.

Das Grün gibt’s nicht ohne Tränen.
Das ist eine Lebensregel.
Du kannst keinen Umweg gehen.

Du musst mitten hindurch
mit nichts dabei als dir selbst.
Doch hinter der Tränengrenze beginnt eine neue Welt
Der Weissdorn blüht schon.
Die Birkenblätter entrollen sich.
Der Bärlauch bricht durch die toten Blätter auf dem Waldboden und duftet nach Frühling.
Die Gräber werden grün.
Häng dein Herz nicht zu sehr an die Dinge.
Teil, was du hast – selbst mit denen, die dich verraten.
Setz dich an den Tisch und höre die Geschichte.
Zusammen mit Petrus, Maria.
Mit Andreas und Salome.
Mit denen, die du vermisst an diesem Abend.
Und mit der Nachbarin, die du seit der Wahl nicht mehr verstehst.
Dieser Abend ist grün.
Und alles ist da, was du brauchst.
Fürchte dich nicht.

Amen.

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