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Predigt zu Römer 5,1-5 

21. Februar 2016 (Reminiszere) beim Ökumenischen Kanzeltausch in der Evang.-method. Christuskirche Böblingen

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Als Schriftlesung vorausgehend: 2.Sam 6,1-5  – Lied vor der Predigt: „Ich sing dir mein Lied“ (Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder, Nr. 56)

Ein Lied zur Ehre Gottes haben sie angestimmt, David und das Volk Israel, die Männer, die die Bundeslade in feierlicher Prozession getragen haben und die Frauen und Kinder, die mit ihnen tanzten, als im feierlichen Triumphzug das Heiligste in Israel, der Schemel der Füße Gottes, in die Heilige Stadt Jerusalem gebracht wurde.Was für ein Ereignis: Der König, dessen Herrschaft nun gesichert ist, tanzt vor der Lade her und zieht ein in die Stadt, die von nun an absolutes Zentrum der Identität eines Volkes sein wird: Dieser Tag bedeutet: Frieden! Und: dieses Fest war auch der Anfang vom Ende einer großen Liebe, der Beziehung zwischen David und seiner Frau Michal, der Tochter Sauls.

So vielstimmig kann ein einziges Lied klingen: es kann zugleich Gott loben und ein politisches Triumphlied sein und eine große Liebe begraben. Trotzig kann es anderen entgegen gesungen werden und versöhnend kann es klingen, manchmal alles zugleich. Beifall kann es finden und auf taube Ohren stoßen in ein und demselben Moment. So eine Melodie kann nachklingen in den Herzen der Menschen und man kann sie zaghaft vor sich her pfeifen oder summen als ein probates Mittel gegen die Angst. Ein Lied kann eine versteckte Botschaft enthalten und zum unverfänglichen Erkennungssignal werden.

Es kann von Freude singen oder von Hoffnung, von Bedrängnis oder Geduld oder was sonst noch. In unserem Predigttext ist beinahe alles dabei. Doch so vielfältig die Themen und Melodien auch sind, die Paulus in diesem kurzen Abschnitt anschlägt, so klar und kräftig werden sie überstrahlt von Grundton und Dominante: mit dem Stichwort „Frieden!“ beginnt das Lied, und mit „Liebe“ hört es auf.

Dazwischen reihen sich Töne, die die Harmonie trüben, beinahe Missklänge sind. Aber so ist es eben in unserem Leben; das ist kein Schlagerfestival, bei dem wir nur heitere Liedchen geboten bekommen. Die Wirklichkeit hat viele verschiedene Melodien. Und jede Situation, jede Stimmung findet ihren Klang und, so Gott will, auch eine Begleitung. Oft ist es ein anderer Mensch, der mitsummt, mitswingt, mit einstimmt in unser Lied, uns hilft, den Takt zu halten oder den richtigen Ton zu treffen. Und wenn man miteinander singt, dann verändert sich gelegentlich auch der Charakter eines Liedes, dann kann aus Moll Dur werden und aus dem hämmernden Marsch-Rhythmus ein leichter Dreivierteltakt. Grundton: Friede! Dominante: Liebe!

Diese Tonart gibt der Predigttext vor. Drei Lieder, drei der Situationen, die danach komponiert wurden, will ich kurz anspielen: Sie haben ihre jeweils eigenen Sängerinnen und Sänger und ihre je und je verschiedenen Begleitinstrumente. Ihr Rhythmus ist unterschiedlich, die Lautstärke auch. Aber sie gehören zusammen, wie die Sätze einer Symphonie. Und laden ein, mitzusummen.

 

Bub, du musst mehr singen!

Das erste ist das Lied in Bedrängnis. Es ist uns heute nicht mehr so geläufig wie dem Paulus, der angibt, selbst in der Bedrängnis, also in der Situation der Verfolgung und des Angefeindet Werdens, selbst unter diesen Bedingungen sich zu rühmen … der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Der Grundton des Predigttextes, der Schalom Gottes, lässt ihn dieses Lied aus der Bedrängnis heraus anstimmen, so, wie wenn er allein in einem dunklen Wald unterwegs wäre und als Mittel gegen die Angst plötzlich anfinge zu pfeifen. Und auf einmal wird die Angst weniger und das Lied lauter und fröhlicher und aus der Bedrängnis heraus ist Kraft entstanden – nur dass das Lied des Paulus nicht auf Autosuggestion beruht, sondern Ausdruck seines Vertrauens in Gottes Liebe ist. Daran erinnert er auch die Gemeinde in Rom: Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen…

Seither haben es dem Paulus Christenmenschen in vielen Situationen der Bedrängnis nachgemacht und aus Not und Bedrohung heraus mitgesungen bei diesem ganz besonderen Lied. „Bub, du musst viel singen“, schrieb die Mutter des eben inhaftierten Pfarrers Karl Steinbauer 1936 ihrem Sohn ins KZ Sachsenhausen. Und der Sohn, der von sich selber schrieb, „recht unmusikalisch“ gewesen zu sein, hielt sich an den Rat der frommen Frau, sang – erst leise und falsch – alle Choräle, die er auswendig wusste, lernte andere dazu und schrieb schließlich selbst ein Weihnachtslied, das er seiner Familie als Gruß nach Hause schickte. Inzwischen war er nicht mehr der einzige Sänger, andere hatten mit eingestimmt und einander so ermutigt und bestärkt in einer Situation absoluter Bedrängnis und folgten so dem Rhythmus von Röm 5: Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.

 

Wir haben an alles gedacht

So viel bewirkt dieses Lied der Hoffnung, und doch entsteht es oft eher zufällig. Hoffnung lässt sich nicht planen – aber sie findet ihre Melodie. Und Worte. Und Bilder. „He’s got the whole World in his hand“ oder „Kumbayah, my Lord!“ oder „Let my people go“. Gospels und Spirituals, entstanden auf den Plantagen der amerikanischen Südstaaten. Ausdruck der Religiosität afroamerikanischer Sklaven – und bald auch Übermittler geheimer Nachrichten, die auf für die Weißen kaum zu entschlüsselnde Weise Informationen austauschen ließen über Fluchtwege in den freien und sicheren Norden. …

Lieder der Hoffnung auf Freiheit und Frieden: In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden sie zu Protestsongs der Bürgerbewegung. Einige von ihnen sind dadurch fester Bestandteil unseres Gesangbuchs geworden. Zusammen mit alten Chorälen wurden sie 1989 auch in der Nikolaikirche in Leipzig gesungen und hinausgetragen in die Straßen der Stadt. Als das DDR-Regime schließlich kapitulierte, soll Stasi-Chef Mielke gesagt haben: „Wir waren auf alles vorbereitet – nur nicht auf Kerzen, Lieder und Gebete.“ Solch eine Macht können Lieder der Hoffnung entfalten, wenn sie sich auf dem Grundton des Friedens Gottes aufbauen!

 

Ein Klangteppich aus Liebe

Aus Bedrängnis wird Hoffnung, und Hoffnung sucht Frieden… doch schön wird ihr Lied erst durch die Liebe. Liebe, so habe ich vorhin gesagt, ist die Dominante unseres Predigttextes, in der Sprache der Musik also der beherrschende Ton.

Die Liebe zwischen zwei Menschen sorgt oft für die allerschönste Musik (und wenn es sein muss, auch einmal für unschönen Krach, so wie bei Michal und David). Auch von der Liebe zwischen Kindern und Eltern, der Liebe zur Natur und der Leidenschaft für eine Idee könnten wir manches schöne Lied singen. Doch Paulus meint noch etwas anderes: Er singt das Lied der Liebe Gottes. Eines, in dem sich Bedrängnis und Hoffnung, Geduld und Zweifel und Angst und Vertrauen ausdrücken. Sein Lied erzählt von Jesus. Von seinem Weg, von seinem Leiden und seinem Tod. Ein Liebeslied, bitter und süß, weil die Liebe so kämpfen muss, weil Gottes Liebe um uns kämpft, um unsere Hoffnung und unseren Mut, weil Gott in seiner Liebe darum wirbt, wieder geliebt zu werden. So klingt das Lied der Liebe. Wie eine Einladung, wie ein Versprechen, der Ruf nach Glück. Und schließlich klingt es ganz anders als alle Lieder, die wir kennen. Denn es singt vom Sieg der Liebe über den Tod. Der Heilige Geist spielt es uns vor – Dominante: Liebe! Grundton: Frieden! – und so legt sich das Lied der Liebe Gottes wie ein Klangteppich unter all die anderen Lieder, die wir singen – die Lieder meines und Ihres Lebens.

Da haben Klagelieder ebenso ihren Platz wie Protestsongs, da mischen sich Kinderstimmen ein, und Ungeübte suchen nach dem richtigen Ton. Dass wir in Gottes Liebe aufgehoben sind, dass Frieden und Liebe die Tonart vorgeben, in der wir unser Lebens- und Glaubenslied komponieren können, darauf kommt es an.

 

Der Welt ins Ohr singen

Wie klingt wohl das Lied, das Sie im Moment im Herzen und auf der Zunge haben? Ist es ein Lied der Bedrängnis, der Geduld, der Hoffnung oder der Liebe ist oder alles zugleich? Vielstimmig singen wir, nicht nur in der Ökumene hier in Böblingen, auch als Christ_innen in der Welt. Viele Stimmen haben wir, um uns einzumischen in den großen Klang unserer Gesellschaft. Und die braucht unser Lied! Braucht die vielen Töne, die sich um Grundton und Dominante formen, braucht Rhythmus und Takt des Glaubens. Dort, wo heute wieder „Wir sind das Volk!“ skandiert wird, braucht es auch die, die „Keine Gewalt!“ rufen, und „Schutz den Schwachen und Verfolgten!“. Dort, wo Menschen Angst haben, weil sie die Sprache nicht verstehen, wohl aber die Gesten, wo „Reisegenuss“ zum Horrortrip wird und Opfer zu Tätern gemacht werden sollen, um eigenes Versagen zu verschleiern, da sind unsere Stimmen gefragt. Gemeinsam können wir es schaffen – gemeinsam können wir dafür sorgen, dass die Welt Gottes Lied hört, dass es den Takt angibt und die Harmonie, dass es zum Ohrwurm wird in einer Zeit, in der mehr durcheinandergebrüllt wird als miteinander gesungen und aufeinander gehört. Dagegen singen wir an: Dominante: Liebe! Grundton: Friede!

Sorgen wir dafür, dass Gottes Lied zum Klingen kommt. Bringen wir es in die Ohren und Herzen der Leute. Nicht nur einzelne Strophen, nicht nur verstreute Motive. Das ganze Lied, von Anfang bis Ende. Von Gottes Sorge für seine Welt, von Gottes Liebe und seinem Frieden. Von Jesus Christus und seinem Weg. Von Leben, das den Tod nicht mehr fürchten muss. Verschaffen uns Gehör und erzählen der Welt von dem, woran wir glauben, worauf wir hoffen, und was uns trägt: Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; …und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird … denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Amen.

 

Lasst uns beten:

Wir singen dir unser Lied, guter Gott.

In ihm klingt unser Leben, klingen unsere Bedrängnis, unsere Hoffnung und unsere Liebe.

Hilf uns, dass wir den richtigen Ton treffen in unseren Beziehungen, im Zusammenleben mit anderen, in unseren Ausbildungsverhältnissen, gegenüber Kolleginnen und Kollegen, Nachbarn und Freunden. Lass uns Gutes hören und sagen, mit weitem Herzen und großer Güte.

Wir bitten dich heute für alle, die das Lied der Bedrängnis singen, weil sie Angst haben und allein sind, in Gefahr oder auf der Flucht. Lass sie spüren, dass sie gehört werden. Dass andere da sind, die auf ihren Ruf antworten. Dass sie Heimat finden sollen und Frieden.

Wir bitten dich für alle, die Hoffnung brauchen. Für die Kranken und Sterbenden und für die, die sich um sie kümmern. Für die Kinder und Jugendlichen, die sich schon vor morgen fürchten und der ganzen Woche in Schule und Ausbildung. Gib, dass ihre Schritte dem Rhythmus der Freiheit folgen und schenke ihnen ein Ohr für Worte der Anerkennung und des Lobs.

Wir bitten für die, die mit Bangen die Nachrichten verfolgen und Angst haben vor Grexit und Brexit, vor dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft und vor den nächsten Wahlen. Lass sie den Klang des Friedens hören.

Wir bitten dich für alle, die das Lied der Liebe singen, allein oder mit anderen, die ihnen zugetan sind. Schenke ihrer Liebe Vertrauen ohne Angst, Vergebung ohne Zweifel und Zukunft ohne Zittern. Gib ihnen mit deiner Liebe ein Beispiel, das hinauswirkt in die Welt. Mache ihre Stimmen fest und lass sie das Glück spüren, das du ihnen zugedacht hast.

Wir singen dir unser Lied, guter Gott.

In ihm klingt unser Leben. Die Töne, den Klang, hast du uns gegeben vom Zeichen der Hoffnung auf steinigen Wegen. Du Zukunft des Lebens, dir singen wir unser Lied. Amen.

 

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