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Predigt über 1. Korinther 4, 1-5 am 3. Advent (13.12.2015) in der Stadtkirche Böblingen

Verwendet wurde die Übersetzung der Basisbibel

024Das Washington-Experiment

Ein Freitagmorgen im Januar. Es ist kalt und zugig in dieser Washingtoner U-Bahn-Station, durch die zur Rush-Hour unablässig Menschen strömen, einen Becher Kaffee in der Hand oder ein Donut, Kopfhörer an den Ohren oder gleich ein Mobile Phone, die Blicke schnell und die Schritte auch. Neben der Türe hat sich ein Straßenmusikant aufgebaut, Basecap über dem Parka, Instrumentenkasten zu seinen Füssen, Violine unterm Kinn. Was er spielt, mischt sich mit den Lautsprecherdurchsagen und dem Getrappel der Leute. Die wenigsten nehmen Notiz von ihm; Kinder, die staunend zuhören wollen, werden von ihren Eltern weitergezogen.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde hat er 32,17 Dollar eingenommen. Nicht viel für einen, der noch am Wochenende zuvor für dasselbe Programm ein Vielfaches dieser Summe als Gage kassiert hatte. Aber dass da einer der berühmtesten Geiger der Welt auf einer Millionen teuren Stradivari mit Hingabe und Können Höchstschwierigkeiten spielte, hat keiner der über 1000 Passanten bemerkt, die von der versteckten Kamera beobachtet worden waren. Als „Washington Experiment“ ist diese Geschichte bekannt geworden, und Joshua Bell, der Star, der sich dafür hatte gewinnen lassen, zog seine eigenen Schlüsse daraus. Denn unter denen, die da an ihm vorbeizogen, achtlos und mit tauben Ohren, waren ja auch solche, die ihn kannten. Die seine CDs kauften und seinen Konzerten entgegenfieberten. War seine Musik nur etwas wert, wenn sie auch etwas kostete? Wenn er im Smoking spielte? Was wäre gewesen, wenn man seine Musik als Störung empfunden hätte? Konnten ihn nur die Kinder verstehen, die, die nichts anderes im Kopf hatten? Und vor allem – das schmerzt ihn bis heute am meisten – warum hörte man die Musik nicht, den Zauber, den sie verströmte, die Gefühle, die er hineingelegt hatte… „Das war am schlimmsten“, sagt Joshua Bell heute, „dass nichts zurückkam von den Zuhörern.“

 

HONY

Die Musik blieb ihnen verborgen, blieb ein Geheimnis. Vor aller Ohren und Augen. Und doch nicht entdeckt. Weil ihm niemand nachspürte, weil niemand etwas Besonderes vermutete. Weil es überhaupt nicht mysteriös wirkte. Weil niemand damit rechnete.

Mit unseren Weihnachtsgeheimnissen ist das anders. Vorab herausfinden, was man geschenkt bekommt, das ist ein Sport für manche. Das Geheimversteck für die Weihnachtsplätzchen bleibt selten lange geheim, obwohl ich sie jedes Jahr anderswo verberge. Überraschungen sind Geheimnisse auf Zeit, und das ist ja auch ganz so gedacht.

Auch dass man vorgibt, ein ganz anderer zu sein, wie „Pfeiffer mit drei FFF“ in der Feuerzangenbowle, ist so alt wie das Märchen vom Aschenputtel. Und dass mehr in einem steckt als das, was man sieht, davon leben Shows wie Britain’s got Talent oder The Voice of Italy, und besonders zur Weihnachtszeit sind wir erstaunt und gerührt über die Geschichten von Menschen mit besonderen, verborgenen Begabungen, wie Paul Potts und Soeur Cristina Scuccia, die an sich glaubten, die sich das, was in ihnen steckte, einfach nicht nehmen ließen, und die warten konnten, bis es an die Öffentlichkeit kommen sollte.

Trau nicht deinen Vorurteilen. Unterschätze niemanden. Im Guten nicht und nicht im Bösen. Schau hinter die Fassade, so wie Brandon Stanton, der Fotograf, der mit wenigen Fragen Geschichten aufspürt hinter den Gesichtern, die er aufnimmt – „Humans of New York“ heisst sein Projekt, aber längst beschränkt er sich nicht mehr auf diese Stadt. Im Moment erzählt er von Syrischen Flüchtlingen, die in der Türkei auf die Einreise in die USA warten. Es ist berührend, sie und ihre Lebenswege kennenzulernen, hinter denen so viel mehr steckt als nur Flucht und Fremdheit. Und mehr als Krieg und Hass und Religion und Fanatismus. Und mehr als Arglosigkeit und Naivität.

Jeder Mensch ein Geheimnis. Jede eine Geschichte. Auch hier bei uns. Wir müssten nur anfangen, sie zu erzählen. Und es ist noch nicht offenbar, was wir sein werden.

Deshalb urteilt nicht zu früh! Bewahrt euch euren Zweifel. Schaut hinter die Fassaden. Denkt an die Seeräuber-Jenny. Die singt dazu ihr Lied, und dass es ein Lied voller Bitterkeit ist darüber, wie verkannt sie wurde, und voller Sehnsucht nach Gerechtigkeit, das gehört eben auch dazu.

Nur kein vorschnelles Urteil, lernen wir von ihnen allen. Wie schnell denkt man das Falsche.

Und das andere, das wir lernen: Es ist nicht so wichtig, was die anderen über dich denken. Wichtig ist, was du selbst von dir hältst. Und Gott.

 

Trotziger Stolz

Urteilt nicht vorschnell. Wartet, bis der Herr kommt! Er wird alles ans Licht bringen, was im Dunkeln verborgen liegt, und die geheimsten Absichten enthüllen.

Ihm gehören die Geheimnisse, die wir verwalten sollen. Er entscheidet, wann sie aufgedeckt werden. Er erwartet unsere Treue.

So sagt es Paulus. Selbstbewusst klingt das. Reflektiert. Und ein bisschen abgeklärt.

Aber so ganz nehme ich ihm das nicht ab. Denn in ihm kocht es. Und es fällt ihm ganz und gar nicht leicht, abzuwarten, bis die Dinge wieder in Ordnung kommen, die da so fürchterlich verrutscht sind in Korinth und überhaupt. Daß da andere durchkommen mit ihren falschen Ansichten und ihren törichten Reden. Dass sie die Leute für dumm verkaufen, weil sie zwar das Geheimnis nicht kennen, aber den Ruhm dafür gern für sich hätten. Und dass sie damit Erfolg haben. Paulus ärgert das. Genau wie seine Machtlosigkeit. Er muss abwarten, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Er kann nicht einfach hergehen und für sich werben, von der Sache weg hin zur Person.

Er muss aber ertragen, wie andere es tun. Und immer zieht er den Kürzeren, weil er „keiner ist, der gefiehle“. Aber er macht es den anderen auch nicht leicht mit seiner Art. Mit seinem Auftreten, mit seinen Grundsätzen. Dabei müsste er nur ein bisschen nachgiebiger sein … Das alles weiß er.

Und trotzdem lässt er sich nicht drauf ein. Macht keine PR in eigener Sache. Unternimmt nicht mal den Versuch, anders wirken zu wollen als er ist (und er hat recht damit). Ihm kommt es nicht aufs Image an, sondern auf die Wahrheit. Die er kennt. Die er aber nicht beweisen kann. Die noch verborgen ist. Und doch so offensichtlich und wahr und präsent.

Er selbst hat sie ja lange nicht gesehen. Hat sich vertan. Hat sich schuldig gemacht, weil er sie verfolgt hat, Gottes Wahrheit und sein Geheimnis. Nicht noch einmal soll ihm das passieren. Lieber lässt er es zu, dass man um ihn streitet. Lieber erträgt er, dass man ihn übersieht. Ihn verkennt. Ihn ablehnt. Lieber das als eine falsche Nummer, die das Gericht beeindrucken soll, aber keinen Bestand haben kann vor Gott. So etwas braucht kein Mensch, das hilft niemandem, dem nicht, der schuldig geworden ist, und denen nicht, an denen er schuldig wurde (Man hätte das Beate Zschäpe sagen können, anstatt ihr zu raten, durch eine inhaltslose Erklärung an ihrem Image zu arbeiten).

Von Verwaltern verlangt man, dass sie zuverlässig sind. Dass sie anständig umgehen mit dem, was ihnen anvertraut ist. Dass sie sich nicht über das Gesetz stellen. Dass sie der Wahrheit treu bleiben. Dass sie Verantwortung übernehmen. Auch wenn es ihnen Schwierigkeiten bringt. Auch wenn sie dadurch in ein schiefes Licht geraten.

Aber mir ist es völlig gleichgültig, wenn ich von euch oder von einem menschlichen Gericht beurteilt werde. …Nur der Herr kann über mich urteilen.

 

Gottes Geheimnis (Danke, Friedrich Mildenberger!)

Immerhin – zu Zeiten des Paulus ist wenigstens noch um das Evangelium gestritten worden. Die Leute haben sich damit auseinandergesetzt. Mit dem Boten und mit seiner Botschaft. Heute ist das anders. Gottes Geheimnis ist nicht mehr interessant. „Dass die Familie zusammenkommt“, dass alle zufrieden sind mit den Geschenken und dem ganzen drumherum, das zählt. „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ Und was da hingehört, das wissen wir längst.

Aber das ist nicht das Geheimnis. Das ist nicht das, worauf Paulus wartet und was er in aller Treue und Aufrichtigkeit verwaltet. Das Geheimnis, das weiß, warum Gott es so gemacht hat, und nicht anders. Warum er sich uns so bemerkbar macht, wie er es damals getan hat. Dass er den einen damals erwählte – Jesus – und der uns gesagt hat: Seht, so kommt Gott, indem ich euch von ihm erzähle. So kommt Gott, indem ich euch seinen Willen zeige. So kommt Gott, dass ich euch seine Gnade erkennen lasse.

So kommt Gott. Geheimnisvoll und leise. Fast übersehen wir ihn. Denn er drängt sich nicht auf. Er brüllt niemanden nieder. Er macht sich nicht unentbehrlich. Er ermöglicht Freiheit.

Er kommt als Kind. Schwach. Abhängig von anderen. Und die passen auf ihn auf und lassen ihm sein Geheimnis, bis er bereit ist, es zu zeigen.

Er kommt mit seinen Geschichten. Nennt die selig, die für andere da sind. Heilt die Kranken, segnet die Kinder.

Er kommt mit seinem Wort. Mit seinem Mut und mit seiner Konsequenz. Leidet und stirbt. Und alle denken, er sei gescheitert. Zugrunde gegangen am Urteil der anderen.

Auch das gehört zum Geheimnis. Dass sie ihn erst gar nicht erkennen, nach Ostern. Bis er ihnen das Brot bricht und den Becher mit Wein reicht. Brannte nicht unser Herz in uns…?!?

Doch am Ende, da werden ihn alle sehen. Jeder wird merken, wie sehr er ihn braucht. Wie sehr wir uns danach gesehnt haben, dass er kommt, ohne dass wir es recht wussten. Leise. Unaufdringlich. Aber klar und konsequent. Wenn sein Fest da ist, wird das Geheimnis gelüftet. Hören wir die Musik. Spüren wir ihren Zauber. Ist die Verbindung da. Wird etwas zurückkommen.

Dafür soll man uns halten: für Diener von Christus und Verwalter der Geheimnisse Gottes. …

Wartet, bis der Herr kommt!

Er wird alles ans Licht bringen, was im Dunkeln verborgen liegt, und die geheimsten Absichten enthüllen.

Dann wird jeder von Gott gelobt werden, wie er es verdient.

Così sia. So sei es – Amen.

 

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