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Predigt am Ewigkeitssonntag (22.11.) 2015 über Mt 25, 1-13 in der Stadtkirche Böblingen.

Verwendet wurde die Übersetzung der Basisbibel.

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Darum wacht. Sagt Jesus. Wacht und wartet.

So wie viele, die heute hier sind, gewacht und gewartet haben im vergangenen Jahr, oft über viele Tage und Wochen. An Betten gesessen oder neben dem Telefon. Gelauscht und gestreichelt. Gestützt und getragen, gewaschen, gewickelt, gesungen vielleicht oder leise gelesen, gebangt und gebetet, gehofft und geweint.

Wacht. Sagt Jesus. Denn ihr wisst nicht, wann er kommt. Und dann seid ihr nicht vorbereitet. Nicht auf die schlimme Diagnose, nicht auf den schrecklichen Unfall, erst recht nicht auf den tödlichen Entschluss. Dann gerät erst einmal alles aus den Fugen. Und dann muss gleich so viel geregelt werden: auf den Ämtern und beim Bestatter. Sarg aussuchen und Blumenschmuck wählen. Lieder finden und Bibeltext. Karten schreiben und Telefonieren. Zimmer ausräumen im Pflegeheim. Gedanken sortieren. Lebenswege nachzeichnen. Schreiben, woran man sich erinnert.

Wacht. Sagt Jesus. Denn so ist es mit dem Himmelreich auch. Wer hineinkommen will, muss warten können. Und wachsam sein.

Wenn das Himmelreich kommt, wird es zehn Brautjungfern gleichen. Alle erwarten den Bräutigam, aber keine weiß, wann er kommt und wie er sein wird. Alle haben sich herausgeputzt und machen sich auf den Weg. Alle freuen sich auf das Fest. Aber keine kann sagen, wann es soweit ist. So wie wir nicht sagen können, wann unsere Zeit kommt.

Und deshalb hören einige von ihnen auf zu warten. Sie sind noch da, sie gehen nicht weg – aber sie wachen auch nicht mehr. Als hätten sie vergessen, weshalb sie bleiben wollten und wonach sie Ausschau halten. Als hätten sie keine Verantwortung für das, was geschieht und was noch kommen soll. Als wären sie, die doch den Bräutigam abholen sollen, nicht wichtig für das Gelingen des Fests.

Sie hören auf, zu warten. So wie manche aufhören, zu leben, lange bevor sie tot sind. Und andere bleiben wach und neugierig bis ins hohe Alter, beteiligen sich, haken nach, wollen aktiv entscheiden, was mit ihnen passiert. Leben jeden Tag bewusst, als ob es ihr letzter wäre. Pflanzen noch ein Apfelbäumchen und lassen sich Birnen in die Taschen füllen für Kinder und Enkel wie der von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Doch als es endlich soweit ist und die Zeit des Wartens vorbei, da werden alle überrascht. Die, die sich vorbereitet haben und die, die dachten, der Bräutigam hätte sie vergessen. Auch die, die ganz vergessen hatten, weswegen sie da waren. Auf einmal ist der Moment da, auf den alles zulaufen sollte. Und die kostbare, die einmalige Zeit, die sie hatten, ist weg.

Und sie merken: Es gibt Dinge, die kann man nicht nachholen. Die muss man tun, solange noch Zeit ist. Sonst werden sie zu verpassten Gelegenheiten, zu versäumten Chancen, zu unerfüllten Träumen. Dann, wenn das Leben vorbei ist.

Auch diese Erfahrung haben viele hier in der Kirche im letzten Jahr gemacht: Dass nun alles so bleiben muss, wie es ist. Dass man nichts mehr dazutun und auch nichts wegnehmen kann. Nicht mehr fragen können. Nicht mehr erzählen.

Nicht mehr loswerden, was man noch sagen wollte. Nicht mehr einlösen, was man versprochen hat. Nicht mehr erleben, was man sich wünschte. Nichts mehr ungeschehen machen können. Nicht mehr klären, nicht mehr verzeihen, nicht mehr verstehen.

Die Zeit ist um. Sie sind schon aufgebrochen. Dem Bräutigam entgegen. In der Stunde ihres Todes begann für sie ein neues Leben, wurden sie „den neuen Räumen jung entgegen“gesendet (H.Hesse). Sie sind längst angekommen im Festsaal, als Gottes Ehrengäste.

Nur von fern hören wir die Musik, ahnen den Glanz und spüren die Freude. Aber noch sind wir draußen. Und haben mit uns zu tun.

Denn so, wie es Dinge gibt, die man nicht nachholen kann, so gibt es auch Dinge, die kann man nicht delegieren. Die muss man selber machen. Geboren werden. Essen und Trinken. Lieben. Umarmt werden. Atmen. Grenzen spüren. Älter werden. Und Sterben. Überall da ist „persönliches Erscheinen unbedingt erforderlich“, wie es auf den Ämtern heißt. Nicht mehr so oft wie früher. Aber oft genug.

Es gibt auch Erfahrungen, die kann man nicht von anderen stellvertretend für einen selbst machen lassen, auch wenn man es versucht. Das gilt erst recht für Erfahrungen des Glaubens oder der Frömmigkeit. Auch Trauer bleibt und will bewältigt werden von dem, den sie trifft. Denn sonst geht das Öl zur Neige, das wir brauchen, um es hell werden zu lassen um uns herum. Sonst bleiben wir hängen in unseren trüben Gedanken und kommen nicht vom Fleck.

Martin Luther deutet das Öl in den Lampen der Brautjungfern als Vertrauen auf Gott, und wenn dieses Vertrauen fehlt oder  verloren gegangen ist im Laufe der Jahre, dann kann ich es mir nicht bei anderen borgen. Dann muss ich mich selbst auf den Weg machen, um es wiederzubekommen. Wenn ich meinen Mut vergessen habe, wenn ich versäume zu leben, dann muss ich selbst sehen, ob ich noch die Kurve kriege und aufbreche, um neues Öl zu bekommen. Und dann kann es passieren, dass die Zeit knapp wird und der Weg länger ist als gedacht.  Und am Ende ist der Händler nicht da, mitten in der Nacht…

Wenn das Himmelreich kommt, wird es zehn Brautjungfern gleichen. Allen zehn. Den fünf klugen wie den fünf dummen. Denen, die noch etwas übrig hatten und denen, die vorzeitig ausgebrannt waren. Denen, die sich auf das Fest freuten und denen, die am Schluss nur noch hofften, dass das Warten ein Ende hat.

Wacht. Sagt Jesus. Denn ihr wisst nicht, wann er kommt. Und das ist gut so. Es ist gut, dass wir nicht Herrschaft haben über den eigenen Tod. Selbst heute nicht, wo die Medizin so viel weiß und vorhersagen kann. Und es ist nicht gut für uns, wenn wir versuchen, das zu ändern. Es gibt keinen selbstbestimmten Tod, weil es kein wirklich selbstbestimmtes Leben gibt. Dass wir jetzt leben, hier in Europa, das haben wir uns nicht ausgesucht. So wie die, die jetzt bei uns Schutz suchen, sich das nicht ausgesucht haben. Wer wählt sich schon eine Heimat, die ihn nicht schützt? Nein, wir treffen unsere eigenen und freien Entscheidungen immer in Abhängigkeit zu ein paar Fakten, die ausserhalb unserer Zuständigkeit liegen. So wie der Tod. Der kommt, wann er will und zu wem er will. Aber er vergisst niemand. Denn da ist ja noch das Fest…

Und das ist das eigentlich Entscheidende. Das Fest. Da sollen doch alle dabei sein. Alle zehn. Die klugen und die törichten. Und die anderen alle auch. Alle sind eingeladen. Alle werden erwartet. Wenn nun aber fünf zu spät kommen, weil sie noch etwas erledigen müssen? Wenn sie erst ihre Reserven noch einmal auffüllen, noch einmal nach Öl und Vertrauen und all dem anderen schauen müssen, was sie brauchen, dann fängt das Fest ohne sie an, und bis sie kommen, ist die Tür zu.

Kann das sein? Ist das wirklich so im Himmel? Dass die einen feiern, während die anderen im Dunkeln sitzen und nur etwas ahnen vom Glanz auf der anderen Seite der Tür? Wo es doch in dieser Geschichte nicht auf das Licht ankommt, sondern auf das Fest – oder anders gesagt: Vielleicht geht es gar nicht so sehr um das Öl, sondern um das Wachbleiben, das Bereit sein für den Moment, in dem der Bräutigam kommt und empfangen werden soll.

Eine andere biblische Geschichte fällt mir dazu ein: Wir sehen Jesus im Garten Gethsemane, kurz vor dem Verrat und der Verhaftung. Seine Jünger sind bei ihm, alle bis auf einen, bereit und willens, ihm beizustehen. Und er bittet sie, mit ihm zu wachen und für seinen Weg zu beten. Aber sie schaffen es nicht. Sie schlafen ein, einer nach dem anderen. In gewisser Weise verraten sie ihn auch, lassen ihn ihm Stich, in der tiefen Dunkelheit seiner Verzweiflung und der Einsamkeit seines Gebets. Wie die törichten Mädchen, deren Geschichte ihnen der Herr doch erzählt hatte, sind sie nicht konzentriert auf das, worauf es ankommt, sondern in sich selbst gefangen und beschäftigt. Dabei wäre es wichtig gewesen, wach zu bleiben. Ist nun alles vorbei? – „Ich kenne diesen Menschen nicht“, sagt Petrus im Hof des Hohepriesters, ehe der Hahn kräht.

„Amen. Ich kenne euch nicht!“ sagt der Bräutigam in Jesu Geschichte. Mit Recht fürchteten die Jünger (und besonders Petrus) diese Antwort des Auferstandenen auf ihr Verhalten in seinen schwersten Stunden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Jesus tritt ihnen freundlich entgegen, tröstet sie und richtet sie wieder auf. Petrus wird in einer anrührenden Szene am Ufer des Sees Genezareth aufs Neue beauftragt, das Evangelium weiterzutragen; er erfährt Vergebung und kann sich doch noch freuen auf das Fest und die Gemeinschaft mit Jesus, dem auferstandenen Herrn. Obwohl er im entscheidenden Moment nicht wach genug war, gibt es für ihn eine zweite Chance.

Deshalb sagt Jesus: Wenn das Himmelreich kommt, wird es zehn Brautjungfern gleichen. Zehn. Nicht fünf. Und es kommt zu allen, ganz egal, wie gut sie vorbereitet waren oder wie spät sie merken, dass sie noch etwas tun müssen. Es kommt zu ihnen – und sie mit hinein durch die Tür in den Saal, von wo die Musik kommt und der Glanz und auch der Duft der Ewigkeit.

Darum wacht. Denn ihr wisst nicht wann das sein wird. 

Nutzt die Zeit. Tut das, was nur ihr tun könnt und hört nicht auf, zu leben und eure Zeit zu nutzen. Nichts von dem, was ihr versäumt habt, könnt ihr nachholen. Das wenigste von dem, das ihr tun müsst, delegieren. Also kauft die Zeit aus. Carpe Diem – Nutze den Tag. Und seid wachsam. Denn ihr wisst weder Tag und Stunde, an der das Fest beginnt. Und wo die, die ihr geliebt habt, euch erwarten.

Così sia. So sei es – Amen.

 

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