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Ansprache zum Volkstrauertag 2015
erarbeitet und gestaltet mit der Konfigruppe der Stadtkirche

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Im Herbst 1945 war der Krieg in Deutschland schon ein paar Monate vorbei. Aber die Folgen des Krieges waren überall spürbar. Zerstörte Städte, überall Trümmer. Millionen ohne ein festes Dach über dem Kopf. Mangel und Unterversorgung. Angst vor dem Winter.
Keine Zeit, um nachzudenken. Keine Kraft, sich mit dem auseinanderzusetzen, was geschehen war. Kein Mut, um sich den Bildern zu stellen, die vom Leid der anderen erzählten. Von denen, die unter deutscher Besatzung gelitten hatten. Von denen, die verfolgt, deportiert, ermordet worden waren. Anderes schien drängender.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat zum ersten Mal einen gemeinsamen Rat gewählt und knüpft zaghaft Kontakte zu den Kirchen in der Ökumene. Mitte Oktober kommt eine Delegation nach Stuttgart. Norweger und Franzosen, Schweizer und Briten unter der Leitung des Niederländers Willem A. Visser t‘Hooft. Eine Reise, die die Gäste viel Selbstüberwindung kostete. Freundschaftliche Begegnungen mit Deutschen? In dem Land, von dem aus so viel Leid und Tod und Elend ausgegangen war? So viel Aggression, so viel Gottlosigkeit?

Man tagte in Stuttgart, dort, wo heute gepflegte Halbhöhenlage die Preise diktiert. Damals: Provisorische Unterkünfte für die Ausgebombten. Panoramablick über eine zerstörte Stadt. Auf der Straße Menschen ohne Obdach. Flüchtlinge aus Ostpreussen und dem Sudetenland, aus Schlesien und Pommern, mit leichtem Gepäck, so viel, wie man tragen konnte auf den wochenlangen Märschen übers Haff und den Gleisen entlang. Unbegleitete Minderjährige. Kriegsversehrte. Gestrandete voller Sorge und Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen, ohne Nachricht, ohne Adresse.
Das Elend rührt die Gäste. Aber die Erinnerung ist auch da. Und die große Frage, wer denn die sind, mit denen sie es jetzt zu tun haben. Wie steht die Evangelische Kirche in Deutschland zu ihrer Schuld?

„Wir sind gekommen, um euch zu bitten, dass ihr uns helft, euch zu helfen“, fasst ein Delegationsmitglied das zusammen, was den Ökumenischen Rat der Kirchen bewegt. „Sagt uns, wer ihr jetzt seid. Erklärt uns, wie ihr zu dem steht, was war und wie es für euch weitergehen soll.“

Die Antwort des neuen Rates der EKD ist als Stuttgarter Schulderklärung heute Teil unseres Bekenntnisses. Dort heißt es unter anderem: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. … Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Den Verfassern dieses Dokuments war es sehr ernst mit ihren Worten. Und trotzdem stieß es in Deutschland sofort auf massive Kritik von beiden Lagern: Den einen, die sich inzwischen selbst als Opfer des Krieges sahen, war darin zu viel von eigener Schuld die Rede, den anderen, die sich schämten für die Millionen Toten des Krieges und des Holocaust, war das alles viel zu lau. „Nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt“ – das sahen sie als Beschönigung an, als Kosmetik dessen, was tatsächlich nicht geleistet worden war an Widerstand und Einsatz für die Verfolgten.

Trotzdem war die Stuttgarter Schulderklärung in der Folgezeit die Basis dafür, dass Deutschland Hilfe und Unterstützung aus dem Ausland erfuhr, dass Wiederaufbau möglich war und die Kirchen ihren Beitrag dazu leisten konnten. Neue Gemeinden entstanden, oft geprägt von denen, die als Flüchtlinge gekommen waren und nun neue Stadtteile mit Leben erfüllten.  Diakonie und Caritas entwickelten feste und tragfähige Strukturen der Hilfe. Kulturelles Leben, Musik und Bildung wurden feste Bausteine im gesellschaftlichen Leben. Kirchliche Jugendarbeit brachte und bringt junge Menschen dazu, sich zu engagieren.

Im Konfis haben wir überlegt, was die vier Stichworte der Stuttgarter Schulderklärung – mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben und brennender lieben – heute für uns bedeuten. Die Jugendlichen tragen ihre Gedanken nun selbst vor:
MUT wünsche ich mir dafür
– Freunden gegenüber ehrlich zu sein und auch etwas zu sagen, was viele nicht so sehen wie ich
– auch Erwachsenen und „Höherstehenden“ die eigene Meinung sagen können
– das Gute durchzusetzen und anderen zu helfen.
– diejenigen aufzuhalten, die den Flüchtlingen schaden wollen
– Frieden zu schaffen, indem wir Krieg vermeiden und keine Angst vor anderen haben

BETEN bedeutet für mich
– an andere denken, denen es schlecht geht
– mit jemandem reden, der einem zuhört, ohne zu kritisieren oder mich niederzumachen
– sagen können, was andere vielleicht nicht verstehen
– um Frieden bitten und um Hilfe für die, die im Krieg sein müssen.
– Danken, Sorgen teilen und Beistand spüren

GLAUBE kann ich erkennen, wenn
– jemand anderen erklären kann, worum es im Leben geht
– jemand Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten hat
– wenn jemand nicht aufgibt, sondern eine gute Zukunft sieht, weil er sich auf Gott verlässt
– wenn jemand sich und andere wieder aufbauen kann
– wenn man in die Kirche geht und betet und mit anderen zusammen sein will
– wenn man ein Lächeln im Gesicht hat, weil man weiß, dass man es schafft

LIEBE üben kann ich, wenn
– ich meiner Familie vertrauen kann
– wenn wir untereinander als Geschwister zusammenhalten
– wenn wir selbst im Kleinen ausprobieren, Frieden zu halten, gute Worte für andere haben und auch Danke sagen können.
– wenn wir tun, was wir gern tun und sehen, dass wir uns wohl fühlen
– Wichtig ist, sich allen gegenüber gut zu verhalten, auch den Tieren

So haben es sich die Jugendlichen überlegt. Und ich denke, die, die es hören, denen geht es vielleicht so wie damals denen, die sich mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis auseinandergesetzt haben. Den einen ist es viel zu wenig, und den anderen viel zu viel.

Aber die Ereignisse der vorletzten Nacht, als in Paris im Namen der Religion gewütet und gemordet wurde, als auf einmal eine europäische Metropole erlebte, was für die, die zu uns geflohen sind, in ihrer Heimat täglicher Schrecken und dauernde Angst war – diese Ereignisse fordern uns auf, nicht nachzulassen. Nicht nachzulassen in unserer Hilfsbereitschaft, zu der vielleicht auch die Bitte gehören mag an die, die sie benötigen: „Helft uns, dass wir euch helfen können!“ – Distanziert euch, leistet Widerstand und tretet ein für Recht, Toleranz und Frieden!

Sie fordern uns aber vor allem auf, das zu tun, was die Verfasser der Stuttgarter Schulderklärung als ihr großes Versäumnis sahen. Lassen Sie uns tun, was geboten ist: Mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben und brennender lieben!

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