Schlagwörter

, , ,

Predigt über Lukas 24, 44-53 (Christi Himmelfahrt 2015)

IMG_1170

(Schau auf Jesus!)

Eigentlich war es eine elegante Lösung, die sich der Kirchengemeinderat in einer schwäbischen Dorfgemeinde vor ein paar Jahren überlegt hatte, als wegen einer kleinen Reparatur die südliche Innenwand der Kirche frisch gestrichen und dafür auch ein wirklich überdimensionales Kruzifix vom Haken genommen werden musste.

Wie wäre es, überlegten vor allem die jüngeren Familienväter im Gremium, wie wäre es denn, wenn man es bei dieser Gelegenheit einfach stillschweigend verschwinden ließe? „Gar nicht wieder aufhängen“ forderten sie, denn: Es mache den Kindern, deren Platz bei Familiengottesdiensten genau gegenüber war, nur Angst. Es vermittle ein düsteres Bild vom Glauben, es zeige Jesus ganz anders, als man von ihm in der Kinderkirche erzähle – und richte so womöglich großen Schaden an. Denn die Kinder sollten ja lernen, auf Jesus zu schauen. Aber doch lieber so, wie er in der Kinderbibel zu sehen sei: als Lehrer und Freund, als Vorbild, als Gastgeber beim Abendmahl und als Gast in unseren Herzen. Dann könnten sie fragen, „What would Jesus do?“ – Was würde Jesus jetzt wohl, in dieser Situation und an meiner Stelle, raten? Das Kreuz dagegen jage ihnen nur Angst ein. Und weil das doch nicht die Botschaft eines Kirchenraumes sein dürfe, deshalb sollte man dieses (wirklich sehr große und wirklich nicht sehr schöne) Kruzifix gar nicht erst wieder aufhängen.

Um es kurz zu machen: So clever die Idee auch war und so überzeugend sie vorgebracht worden ist – durchgesetzt hat sie sich nicht. Natürlich hängt das alte Kruzifix wieder an seinem Platz neben der Kanzel, trotz des anderen, etwas kleineren über dem Altar, und ob es dort den Kindern Angst einflößt oder sie schon von klein auf an ein Kernstück unseres Glaubens erinnert, diese Debatte ist noch nicht entschieden. Aber eine Kirche ohne den Blickfang Kruzifix?!? Das war für die Mehrheit einfach nicht denkbar, ist es ja auch bei uns nicht, wo sich die Konfirmand_innen bei der Kirchenraumerkundung schon mal wundern, warum gleich dreimal Karfreitag gezeigt werde, Weihnachten und Ostern dagegen nur einmal…

Wer Jesus sehen will, der muss auf das Kreuz schauen. Das ist – gut evangelisch! Zwar macht der heutige Festtag, macht Himmelfahrt da ein dickes Fragezeichen. Trotzdem bleibt es dabei. Mit aller Konsequenz. Denn So steht’s geschrieben, daß Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und daß gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern.

 

(Have you found Jesus?)

Wer Jesus sucht, soll zum Kreuz kommen. Dort ist er zu finden, der gekreuzigte Gott; dort ist Vergebung zu finden, Solidarität mit den Leidenden, Trost für die Trauernden, Erlösung für die Welt. Ohne Karfreitag kein Ostern. Ohne Karfreitag auch kein Weihnachten, kein Pfingsten, gar nichts. Ohne Karfreitag – nur eine Sammlung guter Worte und schöner Geschichten, was die Evangelien überliefen. Ohne den Tod des Gottessohnes kein zerrissener Vorhang im Tempel, kein direkter Zugang zu Gott. Das war die Aufgabe des Menschensohns. Das war sein vorgezeichneter Weg. Schwer auszuhalten. Angst machend. Nicht nur den Kindern, deren Schutz man gern vorschiebt, wenn man nicht eingestehen möchte, dass man selbst kaum hinschauen kann, wie da einer gefoltert und getötet wird – und das soll um unseretwillen gewesen sein? Eine Zumutung für unser Denken und für unser Gottesbild.

Und ein bisschen wie „Auf-der-Stelle-treten“. So, als müssten wir immer noch mit den Jüngern trauern um Jesus. Als müssten wir die Erinnerungen an ihn einbalsamieren. Als sähen wir nur noch Leid und Tod und Grab. Als hätten wir nicht gehört, was der Engel sagte: „Ihr sucht Jesus? Der ist nicht hier. Der ist auferstanden und lebt!“

Wo also schauen wir hin, wenn wir Jesus sehen wollen? Wo können wir ihn entdecken? Bestimmt nicht, indem wir immer nur auf eine bestimmte Stelle starren, so wie die Frau, die einen ihrer Söhne früh verloren hatte und von da an den ganzen Tag auf dem Sofa verbrachte, vor sich auf dem Tisch eine Fotografie des Verstorbenen, mit Kerze, Engelsfigur und vielen, vielen Päckchen Papiertaschentüchern. Die saß nur noch da und konnte nicht aufhören zu weinen, während ihr Mann und ihr anderer Sohn daneben standen und gar nicht mehr zu ihr durchdrangen. Wer nur auf eine Stelle schaut, der übersieht das Leben. Wer nur auf das Kreuz schaut, der sieht die Osterspuren nicht, der hört nicht das Lachen der Kinder und den Gesang der Amsel. Wer nur das leere Grab ausleuchtet, in der Hoffnung, Jesus käme nun gleich heraus, der sieht nicht, an wie vielen Gräbern heute getrauert wird.

Von beidem muss man reden. Beides soll uns vor Augen stehen, und auch die anderen Bilder gehören dazu, so wie wir sie im Chorraum haben: Das Kind in der Krippe zum Zeichen dafür, dass Gott unser Leben teilt mit aller Konsequenz, mit Neugier und Forscherdrang, mit Liebeskummer und aufgeschlagenen Knieen, mit dem Duft frischer Mangos und dem Geschmack einer heißen Suppe, mit dem Lachen der Freunde und der Schönheit des Gartens im Morgenlicht. Und der Mann Jesus, der in Jerusalem einzieht, um zu zeigen, dass die Herren dieser Welt nicht das letzte Wort haben. Der mit Gleichnissen und Wundern, Gesten und Blicken vom Gottesreich erzählt hat und der seither Menschen beauftragt, es ihm nachzutun: Fangt an in Jerusalem, und seid dafür Zeugen. Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. (Seid sicher, dass) ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

 

(Hashtag „BlueDot“)

Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.

Himmel. Nicht Kreuz. Nicht Grab. Nicht sonst irgend ein Punkt, auf den man sich fixieren und ihn zum persönlichen Glaubenszentrum erheben könnte. Kein irdisches Heiligtum, kein begrenzter Raum. Sondern: Himmel. Nicht mehr und nicht weniger. Da schau hin, wenn du Jesus sehen willst. Du musst gar nicht lange suchen. Denn egal, wohin du gehst – der Himmel ist dir immer gleich nah. Er wölbt sich um diese Erde und breitet sich aus ins Universum.

Schön ist es da und weit. Unergründlich, trotz modernster Technik, die den Himmel durchforscht und im Weltraum nach Gott sucht, wenn sie nach der Entstehung des Lebens fragt. Fantastisch die Bilder, die uns die Weltraumteleskope schicken, von Sternenstaub und Sonnenstürmen, von Miniplaneten und Megakometen und von der Erde selbst. Inzwischen fahren auch Menschen in den Himmel, zumindest zeitweise, und lernen dort das Staunen. Man sagt, es brauche die erste Viertelstunde, den ersten Blick auf die Erde aus dem Fenster der Raumstation, und selbst die gefestigten Persönlichkeiten der Raumfahrer würden sich verändern, würden erfasst von einem Gefühl der Liebe und der Achtsamkeit für das, was sie sähen. Kämen zurück mit der starken Intention, unsere Erde zu bewahren und die Schöpfung zu schützen. Sagten das oft auch so, selbst wenn sie vorher gar nicht besonders fromm gewesen seien. Weil sie die Welt vom Himmel aus gesehen haben.

Alexander Gerst und Samantha Cristoforetti twittern als @Astro_Alex bzw. @AstroSamantha regelmäßig Bilder der Erde, wie sie sie vom Weltraum aus sehen: Weite Landschaften, bizarre Küstenlinien, nächtliche Lichter, ausgesandt von Städten und Straßen. Und kommentieren sie, als wäre da keine Riesendistanz zwischen der Raumstation und der Erdoberfläche. Als könnten sie in den Farben und Landschaften, unter den Wolken und dem Dunst tatsächlich die Menschen sehen, die (nicht ahnend, dass sie von oben beobachtet werden) unten weiter leben, arbeiten, streiten, lachen, spielen, lernen, singen und feiern. Die vielleicht gerade auf Reisen sind – oder auf der Flucht. Die sich fürchten oder anderen zur Hilfe kommen. Die in Kriege verwickelt sind oder unter Krankheiten leiden. Die die Geburt eines Kindes feiern oder den gelungenen Auftritt nach langen Proben. Die sich nach Liebe sehnen und ihr Glück festhalten wollen. Die andere ermuntern und trösten. Und Gott suchen. Und in den Himmel schauen, zu den Sternen, weit entfernt und doch – wie wir – in Gottes Hand.

Die da oben, die wissen, was wir hier unten fühlen. Weil sie es selbst kennen. Weil sie ein Teil von uns sind.

Manchmal denke ich: So ähnlich wird es Gott gehen, wenn er von den Himmeln auf unsere, auf seine Erde schaut. Er sieht ihre Schönheit, „seiner Hände Werk“. Und er sieht ihre Menschen, „sein Ebenbild“. Und er weiß, wie es uns hier geht. Wie es sich anfühlt für jemanden mit einer chronischen Krankheit, morgens ohne Schmerzen aufzuwachen. Wie es ist, sich auf die Ferien zu freuen. Was man spürt, wenn man ganz zart mit der Hand über die Wange des anderen streicht. Wo etwas in mir klingt, wenn ich Musik höre oder den Klang einer vertrauten Stimme. Gott weiß es. Weil Jesus unser Leben geteilt hat. Und nun wieder im Himmel ist.

Sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Mit Überblick und genauem Fokus. Unsichtbar und doch da. Wie der Himmel. Wie die Luft, die uns atmen läßt. Wie die Sterne, die die Sehnsucht in uns wecken nach einer anderen, größeren Welt, wenn die hier überwunden worden ist. „From a distance“, aber unendlich nah, weil er dieses Leben kennt und gelebt hat bis zum Tod – und durch diesen Tod hindurch. Und nun wieder da ist, wo er uns allen nah sein kann und wo er uns erwartet. Im Himmel. Bei Gott.

 

(Keine Kirche ohne Himmel!)

Sie aber – die dabei gewesen waren in Bethanien bei diesem besonderen Abschied, der doch keiner war – beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Das ist anders als beim ersten Abschied. Anders als in der Nacht in Betanien wenige Wochen zuvor, als er verhaftet worden war und alles durcheinander schrie und weinte und klagte und trauerte – als sie nur noch auf das Kreuz schauen konnten und ganz fixiert waren auf das Grab. Als sie erst gar nicht merkten, was sich verändert hatte. Und erschraken. Und der Geschichte nicht trauten. Sich nicht zu freuen wagten. Keine Frage – die Gemeinschaft hatte diese Zeit mit dem Auferstandenen gebraucht, um sich an das Unglaubliche zu gewöhnen. Jetzt aber ist sie bereit. Getröstet, gestärkt und gespannt auf das, was kommt. Freude und Hoffnung. Gemeinschaft und Gotteslob. Offener Himmel.

Da schauen sie jetzt hin, wenn sie Jesus sehen wollen. Von dort aus, das wissen sie, sieht er auf uns. Mit den alten und weisen Augen Gottes. Mit dem liebevollen Blick dessen, der uns wirklich kennt. Der nichts und niemanden übersieht. Bei dem alle aufgehoben sind.

Die Kirchenbaumeister früherer Jahrhunderte haben versucht, das nachzuempfinden. In der Gotik wuchsen die Dächer der Gotteshäuser immer höher, wölbten sich immer filigranere Kreuzrippen über der Gemeinde, häufig ausgemalt mit wunderbaren Pflanzen als Vorboten des Paradiesgartens. Wer in solchen Kirchen auf den Gekreuzigten schaute, sah über dem Kruzifix gleich den Himmel offen: steingewordene Predigt davon, dass das Kreuz überwunden und das Grab leer ist – und der Himmel offen.

Von dort schaut Jesus auf die Welt und will, dass wir sie mit seinen Augen sehen. Liebevoll. Mitleidend. Gestaltend. Mit ihm an unserer Seite und ganz in seiner Nähe. So, wie es Lukas schreibt, als er anfängt, in der Apostelgeschichte den Weg der Kirche nachzuzeichnen: “Ihr Männer von Galiläa – ihr Männer und Frauen in der Stadtkirche in Böblingen– was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch wegging und zum Himmel aufgenommen wurde, der wird so wiederkom­men, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.”

Amen. Ja, komm, Herr Jesus! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Advertisements