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Predigt am 1. November 2015

Ist siebenmal genug?
Manchmal war es mehr als genug. Da konnte er nicht mehr. Da wollte er nicht mehr.
Zu viele Menschen. Zu viele Fragen. Zu wenig Einsicht.

Gestern zum Beispiel. Da waren es mehr als fünftausend gewesen, Frauen und Kinder nicht mitgezählt. Von der Bergkuppe oben hatte er sie sehen können. Dort hatte der Wind die Worte aufgenommen und zu ihnen getragen:
Selig die Armen. Selig die Sanftmütigen. Selig die Barmherzigen. Und als es Abend geworden war und höchste Zeit für eine Mahlzeit, da konnte man spüren, dass etwas von dem, was er ihnen gesagt hatte, auch angekommen war. Sie teilten, was sie hatten. Fünf Brote und zwei Fische waren genug für alle, weil andere noch dazulegten: Reife Feigen und knackige Äpfel. Frischen Käse und etwas Trockenfleisch. Saftige Orangen und eine Honigwabe, klebrig und süß.
Potluck Dinner. International. Demokratisch und frei.
So schmeckt Gemeinschaft. So wird einmal der Himmel schmecken. Vielfältig und bunt. Ein reich gedeckter Tisch – für alle.
Selig alle, die dabei waren, die mit teilten, aßen und sammelten, was übrig blieb. Reste?!? Von wegen! Das hätte noch mal 100 Leute satt gemacht. Das Boot ist noch lange nicht voll. Alle konnten das sehen, auch die ewigen Bedenkenträger und die Übervorsichtigen. Wenn alle teilen, ist genug da. Wir schaffen das!

Doch kaum waren sie wieder unter sich, er und die, mit denen er nun schon eine Weile durchs Land zog, da gingen die alten Diskussionen wieder los. Der Dauerstreit, wer nun der Wichtigste sei. Das Dauergedrängel, wann sie denn nun endlich anbräche, die neue Welt. Und das Dauergenörgel, weil er nicht so wollte und tat wie sie. Die Unfreundlichkeit zu den Leuten. Die abweisende Haltung. Die Behördenmentalität. Der kaum verborgene Wunsch, durch ihn und an seiner Seite an Ansehen zu gewinnen.
Sie waren seine Freunde. Brüder und Schwestern. Er hatte sie gesucht und gefunden, um sie geworben und sie für sich gewonnen. Er liebte sie. Keine Frage. Alles wollte er mit ihnen teilen. Alles war ihnen zugedacht.
Aber manchmal – da war es einfach genug.

Jetzt. Er hörte sie schon wieder streiten. Petrus und Johannes. Wie launische Kinder, quengelnd und rechthaberisch. Irgend eine Kleinigkeit. Aber genug, um aneinander hochzugehen. Tief beleidigt zu sein. Schwer gekränkt. Gleich würden sie wieder zu ihm kommen, damit er ihren Streit schlichtet. Er war es so leid.

Und schon stehen sie da. Und Petrus fragt, mit diesem altklugen Unterton: »Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester an mir schuldig wird, wie oft soll ich ihnen vergeben? Ist siebenmal genug?«

Er fragt, als hätte er nicht zugehört. Als hätte er nicht begriffen. Er fragt – wie ein Mensch, der der Wahrheit über sich aus dem Weg geht. Obwohl er die Wahrheit über die Welt kennt.
Vor allem aber fragt er wie einer, der denkt, besser zu sein als an-dere. Einer, der die anderen im Griff hat und über sie urteilen kann. Einer, der Macht ausübt, um seine eigene Ohnmacht zu verbergen. So fragt Petrus. Und will damit Jesus auf seine Seite ziehen in diesem Streit.
„Sag ihnen doch du, dass jetzt genug ist. Dass man beim besten Willen nicht mehr nachsichtig sein muss. Dass alle Chancen verspielt und alle Rechte verwirkt sind. Sag es ihnen!“

Der Schatz der Kirche
Später, nach Pfingsten, da wird er es ihnen dann selbst sagen. Petrus. Und später die, die sich auf ihn berufen. Sie entscheiden, wann genug vergeben ist. Und wann etwas nicht mehr verziehen werden kann. Wann genug gelitten wurde und wer sich alles erlauben kann. Sie führen Buch über die Taten der Menschen und sie haben immer noch einen Wechsel offen. Sie riechen die Schuld der anderen und halten sie damit klein.

Mit Genuss werden die vorgeführt, die sich nicht wehren können. Größer noch als die Sorge um die Wiederherstellung des Rechts ist die Lust an der öffentlichen Demütigung. Anprangern. Bloßstellen. Angst und Schrecken verbreiten.

Schwarze Theologie als Schwester der Schwarzen Pädagogik. 50 Mal schreiben: „Ich soll meine Sachen in Ordnung halten.“ 15 Vaterunser für einen Fluch. Je geistlicher das Vergehen, desto günstiger der Tarif. Die Preise steigen, je wehrloser einer ist. Papst Alexander VI. steht zu seinen drei Kindern. Die des Dorfpriesters sind stigmatisiert, bis heute. Ein veruntreuter Himmel ist unverzeihlich.

Der Schatz der Kirche jedoch ist unbegrenzt. Und die klerikale Buchhaltung wacht ängstlich über die Tarife.

Der Schatz der Kirche: Darunter verstand man bis zur Reformation die guten Werke der Heiligen. Ihr Glaube, so dachte man, habe die Macht, auch weniger Frommen zur Seligkeit zu verhelfen. Weil sie Gott genehm waren, würden es in ihrem Schlepptau auch andere sein können. Doch wem sollte das jeweils zugedacht sein?

Darüber wollte die Kirche entscheiden. Männer wie Petrus. Mächtige, die dann aus voller Überzeugung sagen konnten, wann es genug sei mit der Schuld. Und wann etwas nicht mehr vergeben werden könne. Auch nicht für viel Geld. Wobei – für Geld ging damals viel… wie bei der Fifa. Wie bei VW. Wie bei Heckler& Koch und all den anderen.
Genug ist, wenn man nicht mehr zahlen kann.
Genug ist, wenn der andere nicht mehr will.

Siebzigmal Siebenmal
Was wäre, wenn Jesus so gefragt hätte: „Petrus, wenn ihr an mir schuldig werdet, wie oft muss ich vergeben? Ist siebenmal genug?“ Siebenmal vergeben, dass ihr die Leute verjagt habt, die mich sehen wollten? Siebenmal verzeihen, dass ihr unfreundlich über die Kinder dachtet, die beim Gottesdienst nicht still sitzen konnten? Siebenmal darüber hinwegsehen, dass ihr euch rücksichtslos verhalten habt gegenüber Schwächeren – Vorfahrt genommen, Chancen entzogen, Preise erhöht? Immerhin – siebenmal. Wo ihr doch wisst, dass ich nicht ein einziges Mal einverstanden war. Wo ihr doch gehört habt, dass ich die selig genannt habe, die ihr ständig wegboxt. Wo ihr doch selbst mehr als siebzigmal siebenmal Vergebung braucht und in Anspruch nehmt.
Verlangt ihr wirklich von mir, dass ich siebenmal verzeihe, was einmal schon zu viel ist??
Hör gut zu, Petrus, bei meiner Geschichte. Denn es geht um dich, sagt Jesus: »Das Himmelreich gleicht einem König, der mit den Verwaltern seiner Güter abrechnen wollte. Gleich zu Beginn wurde einer zu ihm gebracht, der ihm zehntausend Talente schuldete.
Er konnte ihm nichts davon zurückzahlen. Da befahl der König: ›Er soll als Sklave verkauft werden, ebenso seine Frau und seine Kinder. Verkauft auch seinen ganzen Besitz – so kann wenigstens ein Teil zurückbezahlt werden.‹ Der Mann fiel auf die Knie und flehte den König an: ›Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen!‹ Da bekam der Herr Mitleid mit dem Mann.Er gab ihn frei und erließ ihm die Schulden.
Der Mann ging hinaus und traf dort einen anderen Verwalter, der schuldete ihm 100 Silberstücke. Er packte ihn an der Kehle, würgte ihn und sagte: ›Bezahl deine Schulden!‹ Der andere fiel vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: ›Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.‹ Aber das wollte der Mann nicht – im Gegenteil: Er ging weg und ließ seinen Mitverwalter ins Gefängnis werfen. Dort sollte er bleiben, bis seine Schulden bezahlt waren.
Die übrigen Verwalter bekamen mit, was da vor sich ging, und waren empört. Sie gingen zum König und berichteten ihm alles. Da ließ der Herr seinen Verwalter zu sich kommen. Er sagte zu ihm: ›Du böser Mensch! Deine ganzen Schulden habe ich dir erlassen, weil du mich darum gebeten hast. Und du? Warum hattest du kein Erbarmen mit dem anderen Verwalter – so wie ich mit dir?‹ Voller Zorn übergab er ihn den Folterknechten – bis seine Schulden bezahlt waren. So wird mein Vater im Himmel auch euch behandeln – wenn ihr eurem Bruder oder eurer Schwester nicht von Herzen vergebt.«

Als ob Jesus geahnt hätte, was Petrus, oder richtiger: was die Kirche im Laufe der Jahrhunderte aus seiner Botschaft machen würde. Als ob er sie voraussehen würde, die Scheiterhaufen der Inquisition und die subtilen Instrumente entzogener Lehrerlaubnis und nicht erteilter Imprimatur-Stempel. Als ob er schon gewusst hätte um die Not der konfessionsverschiedenen Paare, die nicht gemeinsam Abendmahl feiern durften und der gleichgeschlechtlich Liebenden, denen man unter dem Deckmäntelchen vorgetäuschter Achtsamkeit besondere Demütigungen zumutet, wenn sie begehren, was jedem Paar zusteht, das seine Liebe vor Gott leben und von ihm segnen lassen will.
Und natürlich kennt er auch den Grund für die Hartherzigkeit derer, die doch gerade selbst erst davongekommen sind mit ihrer Schuld. Um Macht geht es. Um das Gefühl, besser zu sein als an-dere. Bestimmen zu können, was mit ihnen wird, von nun an bis in Ewigkeit. Um den Wunsch, bedeutend zu sein. Und das geht immer nur auf Kosten der anderen. „Ich bin Gott näher als du“. Egal, was du siehst und von mir weißt. Reicher als du. Egal, was ich schon getan und versäumt habe. Ich bestimme, wie oft vergeben wird. Und wann ich von dir genug habe…
Das sieht Jesus. Das weiß er. Davon hat er genug. Und sagt es auch, als Petrus ihn fragt mit diesem altklugen Unterton: »Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester an mir schuldig wird, wie oft soll ich ihnen vergeben? Ist siebenmal genug?« Da antwortet er: »Nicht nur siebenmal! Ich sage dir: Bis zu siebzigmal siebenmal!«

Unverzeihlich?
Das ist der Maßstab. Das Mindeste. Nicht nur für uns. Siebenmal siebzigmal – das ist in der Sprache der Bibel ein Bild für Unendlichkeit. Unendlich oft sollen wir vergeben. Immer wieder. Die frechen Bemerkungen der pubertätsgeplagten Jugendlichen auf dem Schulhof ebenso wie die Ungeduld ihrer überforderten Lehrkräfte. Dem notorischen Drängler, der uns mit seiner Lichthupe über die Autobahn scheucht wie der Blindschleiche, die im Schritttempo durch den Schönbuch kriecht, ohne den Stau zu spüren, den sie verursacht. Unendlich oft vergeben. Den rüden Ton des Fahrkartenkontrolleurs und die herablassende Tour der Schalterbeamtin. Vergeben auch die Sticheleien der Schwägerin und das Genörgele des eigenen Vaters. Vergeben die Launen des Kollegen und die Vergesslichkeit der Mitarbeiterin, die Unzuverläs-sigkeit des Geschäftspartners und auch den Versuch eines Freundes, mich hinters Licht zu führen. Vergeben. Nicht nur verzeihen. Und nicht nur ein oder zwei Mal. Siebzig mal sieben mal. So oft, wie Gott mir verzeihen muss, selbst wenn ich mich anstrenge, ihm keinen Anlass zu geben. Unendlich oft.

Vergeben. Nicht vergessen. Schon gar nicht, dass wir beide einmal vor Gott stehen werden, angewiesen darauf, dass er nicht sagt, es sei nach siebenmal Vergeben genug und Schluss. Dankbar dafür, dass er anders rechnet als wir. Und siebzigmal siebenmal zu uns hält. Und selbst bei uns in unserem kleinen Leben noch Dinge findet, die den Schatz der Kirche vergrößern, das Zeugnis der Heiligen, die Werke des Evangeliums. „Sinners and Saints – both 100 percent! That’s why I am Lutheran…“ Sagt Nadia Bolz Weber, eine der schillerndsten Pfarrerinnen unserer Evangelisch-lutherischen Kirche. Heilige und Sünderin. Und beides ganz.

Wir haben das miteinander vor ein paar Tagen im Religionsunterricht besprochen. Wie gut es ist, dass Gott nicht nachzählt, wie oft er uns vergeben muss. Und dass wir auf ihn zählen können, weil wir als Getaufte zu ihm gehören. Alle.
Da fragte eine, wie es denn mit denen wäre, die wirklich Schlimmes getan hätten. Unverzeihliches. Denen man nicht mal einmal vergeben könne, geschweige denn siebenmal. Und siebenmal siebzigmal schon gar nicht. Denen, die unvorstellbares Leid über die Welt gebracht haben. Denen, die kaltblütig und grausam zu Dingen fähig waren, die unglaublich wirken. Menschen wie Hitler und Eichmann. Anders Breivik und Andreas Lubitz. Sollen wir denen trotzdem vergeben? Und wenn wir es nicht können – wie ist es mit Gott?

Ich kenne diese Frage. Ich habe sie selbst vor über 30 Jahren im Religionsunterricht gestellt. Unser Lehrer, der sonst auf so vieles so kluge Antworten hatte, zögerte. Er hatte selbst als junger Kerl am Krieg teilgenommen und lebte den christlich-jüdischen Dialog, als ginge es darum, eine persönliche Schuld abzutragen. Und gleichzeitig trat er uns gegenüber unermüdlich für einen Gott ein, der nicht Rache will und nicht auf Vergeltung aus ist, sondern der bedingungslos liebt und verzeiht. Dass meine Frage nicht als Falle gestellt war, verstand er. So wie ich weiß, dass es meinen Schülern letzte Woche nicht um Spitzfindigkeiten ging.

Aber eben deshalb ist es auch kein schnelles Ausweichen, wenn er damals und ich heute eine klare Antwort schuldig bleiben. Denn es gibt Dinge, die kann ich nicht vergeben. Da schaffe ich keine siebzigmal sieben Mal. Und es gibt Dinge, da sind für mich siebenmal genug. Bei aller Liebe.
Und ich mag mir nicht vorstellen, dass Gott einfach darüber hinwegsieht, wenn Menschen so schuldig werden wie die, die den Holocaust angestiftet haben oder wahllos Jugendliche auf einer Ferieninsel zu Tode hetzen und abknallen oder ein Flugzeug mit 150 ahnungslosen und ihnen wildfremden Menschen gegen ein Bergmassiv steuern. Ich kann es mir nicht denken. Und ich weiß nicht, wie Gott es kann.
Und doch vertraue ich darauf, dass Gott Wege findet, zu vergeben, was ich nicht vergeben kann. Nicht um deretwillen. Sondern meinetwegen. Für mich.

These 62
In Wittenberg gibt es seit kurzem eine neue, bemerkenswerte Kneipe. Dort, in der „Lutherstadt“, wo vor fast 500 Jahren alles seinen Anfang nahm, was wir heute feiern, wo Gedenktag der Heiligen und Erneuerung der Kirche zusammenkamen durch wuchtige Hammerschläge und markante Worte, dort betreibt eine Initiative aus verschiedenen kirchlichen Gruppen und Kommunitäten eine Begegnungsstätte namens „These 62“. Natürlich eine der 95. In allen möglichen Sprachen an die Wände der Gaststube gekritzelt. Bei Aktionen und Events durch die Stadt getragen. In Inseraten veröffentlicht. Auf Servietten gedruckt. Stadtgespräch. Und Abkürzung. These 62. Ein Synonym für das, was Reformation meint und bekannt machen wollte.

These 62: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“

Es ist die Botschaft, dass Gott noch nicht genug hat. Dass er nicht müde wird, für uns da zu sein. Dass er uns gibt, was wir brauchen. Und wir keine Angst haben müssen, es könnte nicht reichen.
„Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Selig sind, die das wissen. Selig die Armen. Selig die Trauernden. Selig die Sanftmütigen und die, die nach der Gerechtigkeit suchen. Sie werden reich werden durch ihn. Denn es ist genug da für alle. Wir brauchen nicht sparen. Wir können teilen. Ohne Angst. Ohne Neid. Aber voller Gottvertrauen.

Der durch die Welt geht und die Zeit, ruft nicht, wie man beim Jahrmarkt schreit. Er spricht das Herz an heute und sammelt seine Leute. Und blieben wir auch lieber stehn – zu wem denn sollen wir sonst gehen? Er will uns alles geben, die Wahrheit und das Leben.
(Jürgen Henkys, EG 313,3)
Siebzigmal siebenmal. Così sia – so sei es! Amen.

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